"Mein Plan" will gelebt werden

21.03.2019 | Claudia Haber-Streichert

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Claudia Haber-Streichert

"Mein Plan" will gelebt werden

450 Mitarbeitende in der NRD lernen "Mein Plan". "Mein Plan" heißt das neue Konzept, das in der NRD in Zukunft für die sogenannte "personenzentrierte Planung" verwendet wird. Ziel des Konzepts: Den Menschen selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Der Auftrag der NRD-Mitarbeitenden dabei ist es, den Klienten darin zu unterstützen, sein Leben nach seinen Träumen, Wünschen und Zielvorstellungen zu gestalten.

„Wir wollen die Teilnehmer bei den Emotionen packen“, so das ambitionierte Vorhaben zu Beginn der ersten, dreitägigen Schulung „Mein Plan“, der für die Wohnstandorte der NRD Kreis Bergstraße ab sofort die Assistenzplanungen nach GBM* (Erläuterung siehe Kasten unten) ersetzen wird. Die anderen Bereiche werden bis Ende 2020 folgen und ebenfalls vorab geschult werden. Am Ende der drei Tage sollen sich die Bezugsbetreuer gut vorbereitet fühlen, um das neue Instrument, bestenfalls sogar aus Überzeugung, bedienen zu können. Claudia Haber-Streichert, Fachberaterin im Wohnverbund Darmstadt, war als zukünftige Referentin dabei und schildert ihre Eindrücke.

Ich lese eine Mischung aus Erwartung und Skepsis von den Gesichtern der neun Teilnehmer*innen. Welche neuen Aufgaben kommen da auf uns zu? Was hat sich die NRD da jetzt schon wieder einfallen lassen?

Fachberater Johannes Keuser war einer der Referenten
Fachberater Johannes Keuser war einer der Referenten

In erfrischender und teils provokanter Art und Weise führen die beiden Referenten Johannes Keuser, Fachberatung Groß-Gerau und Mitarbeiter der Stabsstelle Pädagogik, und Tanja Tandler, Wohnverbundsleiterin Offenbach und äußerst fähige Flipchart-Künstlerin, durch die grundlegenden Themengebiete Behindertenrechtskonvention, Bundesteilhabegesetz, Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit** (Erläuterung siehe Kasten unten), Behinderung und Gesundheit, Personenzentrierung, Haltung sowie menschliche Entwicklung. Sie erklären auch, warum das bisher genutzte GBM-Verfahren nicht mehr die Vorgaben erfüllt und machen deutlich, dass „Mein Plan“ nicht nur eine reine Maßnahme-Planung zum Abhaken werden soll. „Mein Plan“ will gelebt werden, und zwar nach den individuellen Träumen, Wünschen und Zielsetzungen des Klienten. Wie schwierig es allerdings sein kann, eben diese Wünsche und Ziele im Detail zu erfassen, wird im Rahmen eines nonverbalen, kommunikativen Austauschs selbst erfahren und reflektiert.

Bei den Übungen zu zweit galt es zum Beispiel ohne Worte miteinander zu kommunizieren.
Bei den Übungen zu zweit galt es zum Beispiel ohne Worte miteinander zu kommunizieren.

„Es war mir ja eigentlich schon klar, aber nachdem ich das jetzt mal selbst erlebt habe, habe ich auch mehr Verständnis“, offenbart eine Bezugsbetreuerin, nachdem sie eine gefühlte Ewigkeit versucht hat, mit Einsatz eines Kommunikationshilfsmittels sinngemäß zu beschreiben, dass sie gerne eine Berühmtheit wäre, während eine andere Teilnehmerin mit Gebärden probiert, durch angedeutete Schweinsnase nebst Ringelschwänzchen ihr Gegenüber auf den Begriff „Eberstadt“ zu lenken.

Gelingende Kommunikation kann für beide Seiten sehr anstrengend sein und braucht unter Umständen viel Geduld, Zugewandtheit und Kreativität, damit aus dem umfassenden Wunsch nach einem „ausgewogenen Frühstück“, der in diesem Beispiel nicht verbal ausgedrückt werden kann, am Ende nicht einfach nur ein „tägliches Müsli“ wird, so die abschließende Erkenntnis.

Nachdem sich die Anwesenden von einem institutionellen Denken „entkonditioniert“ haben, wie es eine Teilnehmerin ausdrückt, juckt es in den Fingern, sich selbst an die schriftliche Arbeit zu machen, und „Mein Plan“ mit eigenen Beispielen aus der Praxis zu erproben.

Das Herzstück von „Mein Plan“ ist, dass jeder Traum, jeder Wunsch und jedes Ziel das Recht darauf hat, ernst genommen, besprochen und aufgeschrieben zu werden. Und zwar auch dann, wenn wir, die begleitenden Mitarbeiter*innen, den Wunsch nicht nachvollziehen können, oder eine Zielsetzung für unrealistisch halten. „Mein Plan“ ist eine „Personenzentrierte Planung“, die den Menschen selbst in den Mittelpunkt stellt. Unser Auftrag ist es, den Klienten darin zu unterstützen, sein Leben nach seinen Träumen, Wünschen und Zielvorstellungen zu gestalten. Wenn das nicht im vollen Umfang möglich ist, sollte man beharrlich versuchen, sich dem Ziel so weit wie eben möglich anzunähern.

„Mein Plan“ gibt auch den Raum, Hindernisse und Hürden auf dem Weg zum eigenen Ziel offenzulegen und zu benennen. Manchmal geht es in der Planung dann auch erst mal darum, nach und nach Steine aus dem Weg zu räumen, und Teilziele zu formulieren, die greifbar werden können.

Da die Hintergründe nun geklärt wurden, ziehen sich die Teilnehmer*innen zurück und legen los. Rührend achtsam wird mit den Zielen und Lebensträumen des gedanklich hergeholten Klienten umgegangen und in die entsprechenden Spalten eingetragen. Im Übrigen ist „Mein Plan“ derzeit noch eine Excel-Tabelle, jedoch wird mit Hochdruck daran gearbeitet, das Instrument sehr zeitnah in Vivendi (Software, in der Bewohner-Daten verwaltet werden) zu integrieren. Die einstigen Begriffe, die dem GBM-Verfahren zugeordnet werden, sind verschwunden. So heißen die einstigen „Items“ nun „Aktivitäten“ und das zugrundeliegende Entwicklungsmodell nicht mehr „Modell der Lebensformen“, sondern „Modell der menschlichen Entwicklung“, welches in einem eigens dafür gegründeten Arbeitskreis formuliert wurde und in einer Aufbauschulung, die derzeit noch konzipiert wird, für interessierte Mitarbeiter*innen in naher Zukunft vorgestellt wird.

Am Ende der drei Tage hat sich der „Running-Gag-Applaus“ fest etabliert. Teilnehmer*innen und Referenten haben sich den Applaus immer wieder an geeigneter und manchmal auch ungeeigneter Stelle während der Schulung gegönnt. Dies hat dazu beigetragen, dass sich innerhalb dieser gemeinsamen Zeit ein spürbarer Flow entwickelte, der hoffentlich über die Schulung hinaus ansteckend ist, und somit personenzentriertes Denken und Handeln in der NRD weiterhin in gelebte Unternehmenskultur verwandelt.  

Fotos: Claudia Haber-Streichert und Svenja Löffler-Plinz                           

Mein Plan
„Mein Plan“ heißt das neue Konzept, das in der NRD in Zukunft für die personenzentrierte Planung verwendet wird. Das Besondere an „Mein Plan“: Es wurde von NRD-Mitarbeitenden selbst entwickelt. „Mein Plan“ wird in den Wohn-Standorten Bensheim-Auerbach, Zwingenberg und Lampertheim seit
dem 1.Oktober angewandt. Nach und nach sollen bis 2020 alle NRD-Standorte nachziehen, insgesamt müssen rund 450 Mitarbeitende geschult werden, nämlich all diejenigen, die als Bezugsbetreuer*innen tätig sind.

Erläuterungen
* GBM ist die Kurzform für „Gestaltung der Betreuung für Menschen mit Behinderung“. Bislang wird auch in der NRD das GBM-Verfahren für die Assistenzplanung verwendet. Sehr viele Einrichtungen der evangelischen Behindertenhilfe haben in den vergangenen 20 Jahren das GBM-Verfahren angewandt. Das Verfahren passt aber nicht mehr zu den neuen Anforderungen, die das Bundesteilhabegesetz mit sich bringt.

** Die Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, kurz ICF, soll in möglichst allen Ländern der Erde angewandt werden. Dies wünscht sich die Weltgesundheits-Organisation. Die ICF verlangt eine bio-psycho-soziale Betrachtungsweise des Menschen. So könne besser festgestellt werden, was ein Mensch braucht, um selbstbestimmt leben zu können. „Mein Plan“ basiert auf ICF und ist somit abgestimmt auf das zukünftige Instrument, mit dem auch die Kostenträger arbeiten.

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  • Inklusion...

    ... heißt für mich, dass alle teilhaben. Es muss nicht immer alles perfekt sein, damit behinderte Menschen teilhaben können. Statt einer Super-Rampe tut es auch ein Stück Sperrholz. Und wenn das auch fehlt, kann man mich auch gerne mal über die Schulter werfen und irgendwo hinein tragen.

    Inklusion...
    Tobias Koch
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