„Die NRD ist unsere Familie“

26.11.2019 | Marlene Broeckers

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Marlene Broeckers

Texterin und Pressereferentin der NRD

„Die NRD ist unsere Familie“

Hunderttausende Fachkräfte fehlen in Deutschland, sowohl in Pflege- und Sozialberufen als auch im Handwerk. Zwei junge Männer, die mit 19 Jahren mit Bestnoten ihre Ausbildung zur Fachkraft für Metalltechnik abgeschlossen haben und sofort einen Arbeitsvertrag in ihrer Firma unterschreiben konnten, darf man deshalb als leuchtende Beispiele vorstellen. Es handelt sich um Arash Assadullahi und Sebghatullah Oqab. Beide sind mit der so genannten „Flüchtlingswelle“ im Herbst 2015 in Deutschland angekommen und werden bis heute von der NRD-Tochtergesellschaft NRD Orbishöhe GmbH begleitet.

Um 17 Uhr sind wir im Groß-Gerauer Regionalbüro der Orbishöhe zum Gespräch verabredet. Mit dabei sind die Regionalleiterin Martina Tonollo und Elisabeth Klein, die die beiden jungen Männer als Sozialpädagogin begleitet. Es geht um die erfolgreich abgeschlossene Ausbildung und die Frage, wie sie solches unter den schwierigen Bedingungen geschafft haben, mit denen man als unbegleiteter minderjähriger Ausländer in einer völlig fremden Kultur konfrontiert ist.

Das Handy von Elisabeth Klein klingelt: “Wir kommen leider 45 Minuten später, wir haben den Zug nicht bekommen“, erklärt Sebghatullah, der von seinen Freunden Seb genannt wird. Kein Problem, so kann Elisabeth Klein die Zeit nutzen, um vom Weg der beiden jungen Männer in Deutschland zu berichten. Sie betreut die beiden erst seit März 2019, ist aber mit allen wichtigen Details vertraut und kann in zwei dicken Ordnern nachschlagen. „Sie kamen im Herbst 2015 in Frankfurt an und wurden dem Kreis Groß-Gerau zugewiesen. Dieser hatte damals Zimmer im Best Western-Hotel im Ort angemietet, um Flüchtlinge unterzubringen. Im Herbst 2016 mussten alle Flüchtlinge dort wieder ausziehen und das Jugendamt suchte neue Betreuungsmöglichkeiten. Arash und Sebghatullah landeten bei der NRD-Orbishöhe GmbH und wurden ab Juni 2016 in einem Biebesheimer Hotel untergebracht, in dem die Orbishöhe bereits seit Oktober 2015 unbegleitete minderjährige Ausländer betreut. Das Jugendamt Groß-Gerau hat Teile des Hotels zu diesem Zweck angemietet.

Vielfältige Unterstützung

Ihr Ziel, möglichst schnell Deutsch zu lernen und eine Berufsausbildung zu beginnen, verfolgten Arash und Sebghatullah von Anfang an mit großem Eifer, so wie viele andere ihrer Schicksalsgenossen. Unterstützt wurden sie dabei nicht nur von den Mitarbeitenden der Orbishöhe, sondern auch von ihrer Vormünderin, die sich über die Maßen für ihre Schützlinge engagierte. Dank ihrer Vermittlung wurden Arash und Sebghatullah an der Darmstädter Comenius-Schule aufgenommen, einer freien Privatschule, die angesichts der aktuellen Lage beschlossen hatte, zwei kostenlose Schulplätze für Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen. „Sie haben jede Möglichkeit genutzt, um zu lernen“, berichtet Elisabeth Klein, „von ihren Mitschülern ebenso wie von Eltern, die bereit waren, Nachhilfe zu geben“. So haben die beiden innerhalb von zwei Jahren den Hauptschulabschluss geschafft und bekamen ein Ausbildungsangebot in Oberursel. Dies wiederum vermittelte ein Vater aus Darmstadt, dessen Kinder ebenfalls die Comenius-Schule besuchten. Dieser ist in leitender Stellung bei der Destaco Europe GmbH in Oberursel tätig, die unter anderem Teile für Roboter herstellt, welche in der Autoindustrie eingesetzt werden.

Zu den ehrgeizigen Zielen von Arash und Sebghatullah gehörte es auch, in einer eigenen Wohnung zu leben. Es war nicht einfach, etwas Passendes zu finden. Im April 2018 zogen sie aus dem Hotel aus. Zusammen mit Nasim Aria und Sarajuddin Samimi, die seinerzeit ebenfalls in Biebesheim lebten, mieteten Arash und Sebghatullah eine 4-Zimmer-Wohnung in Groß-Gerau.

Perfektes Deutsch nach vier Jahren

Jetzt treffen sie ein, sichtlich erschöpft von der Arbeit und verschwitzt von dem Sprint, den sie per Fahrrad vom Bahnhof zum Büro zurückgelegt haben. Sie entschuldigen sich nochmals für die Verspätung und bedanken sich höflichst für die kleinen Präsente zur bestandenen Prüfung: NRD-Tassen und USB-Sticks. Danach erzählen Arash und Sebghatullah selbst weiter, und zwar in fließendem, grammatikalisch fast perfektem Deutsch – und mit Sinn für Humor. Es erscheint mir unvorstellbar, dass so etwas in vier Jahren zu schaffen ist. Welche Bildung haben sie in ihrer Heimat genossen? „Ich war acht Jahre in der Schule“, sagt Sebghatullah, „das Schulsystem in Afghanistan hat 12 Klassen. Wenn man die alle schafft, kann man auf die Universität gehen und studieren. Wer vorher aufhört, geht arbeiten.“

„Ich war eigentlich in keiner Schule“, sagt Arash. Er ist als Kleinkind mit seiner Familie aus Afghanistan in den Iran geflüchtet, „und Flüchtlinge haben im Iran kein Recht auf Schulbesuch. Ich habe ungefähr drei Jahre Unterricht gehabt, nur privat, ich habe Schreiben, Lesen und Rechnen gelernt.“ Seine Ausbildung zur Fachkraft für Metalltechnik hat er mit der Bestnote 1 abgeschlossen. Aufgrund seiner guten Noten hatte Arash auch die Möglichkeit, noch eine Englisch-Prüfung abzulegen und so im vergangenen Juni den Mittleren Schulabschluss zu machen. „Er ist ein Denker und lernt sehr schnell“, sagt Elisabeth Klein. Beide haben, wie ehemalige Betreuende aus Biebesheim berichten, in jeder freien Minute gelernt. „Ich anfangs nicht so viel, aber dann habe ich auch Gas gegeben“, sagt Sebghatullah, der die Prüfung mit 2 abgeschlossen hat.

Während der Ausbildung haben beide beschlossen, den Führerschein zu machen. Das Geld dafür haben sie sich von ihrem Lebensunterhalt abgespart. „Wir mussten jede Stunde sofort bar bezahlen, ungefähr 50 Euro jedes Mal. Immer wenn wir wieder 50 Euro hatten, haben wir eine Fahrstunde genommen.“

Hervorragende Leistungen – zufriedene Lehrfirmen

Die 4-Zimmer-Wohnung in Groß-Gerau kostet 1.880 Euro Miete im Monat, das macht 470 Euro für jeden der Vier. „Der Vermieter nimmt so viel Geld, weil er es kann“, stellt Sebghatullah nüchtern fest, und berichtet außerdem: „Die Zimmer sind sehr verschieden groß. Eins davon hat nur 13 Quadratmeter, aber wir bezahlen alle gleich viel Miete.“ Wie haben sich die Vier geeinigt, wer welches Zimmer bekommt? „Eine Art Schnick-Schnack- Schnuck“, meint Arash, „alles ok“.

Unter den 70 jungen Ausländern, die derzeit von der Orbishöhe betreut werden, sind Arash und Sebghatullah die ersten mit einer abgeschlossenen Ausbildung, einem festen Arbeitsvertrag und Führerschein. Ihr Mitbewohner Sarajuddin hat kürzlich die Zwischenprüfung als Maler und Lackierer bestanden – sein Lehrbetrieb ist die Firma Seibert in Groß-Gerau und deren Inhaber ist zugleich Vermieter für das Regionalbüro der Orbishöhe in der Helwigstraße nahe der Stadtkirche, nicht weit entfernt von der Frühförder- und Beratungsstelle der NRD und dem NRD-Wohnhaus für Menschen mit Behinderung "An der Kapelle". Jürgen Seibert ist stolz auf die Leistung von Sarajuddin Samimi und hofft, ihn nach bestandener Gesellenprüfung fest anstellen zu können. Der vierte im Bunde, Nasim, hat im August das 2. Lehrjahr als Fachlagerist bei der Spedition Kirchner in Gernsheim angetreten.

Recht auf Heimat? Recht auf Leben!

Deutschland braucht junge Menschen aus dem Ausland, um die großen Lücken zu schließen, die in unserer zunehmend veraltenden Gesellschaft in vielen Berufsfeldern entstehen. Warum sollten in diese Lücken nicht auch Flüchtlinge hineinspringen, zumal solche wie diese jungen Menschen aus Afghanistan, in deren Heimat seit 40 Jahren Krieg und Bürgerkrieg herrscht?

„Heimat ist ein Menschenrecht“, riefen Politiker im Landtagswahlkampf in Sachsen und Brandenburg dem Publikum zu. Beifall bekommen sie von denen, die meinen, dass Ausländer die deutsche Identität gefährden und unser Sozialsystem zum Einsturz bringen werden.

Menschen wie Arash und Sebghatullah haben nichts davon im Sinn. Was ist mit ihrem Recht auf Heimat? Sie wünschen sich ein Recht zum Leben und sind bereit, dafür viel zu leisten. Sie haben ebenso wie ihre beiden Mitbewohner Klage erhoben gegen die Zurückweisung ihres Asylantrags und hoffen, dass sie eine Aufenthaltserlaubnis bekommen. Die Voraussetzungen dafür haben sie bereits erfüllt. Dazu gehört, dass sie eine Schul- oder eine Berufsausbildung abgeschlossen haben und dass sie die freiheitlich demokratische Grundordnung unseres Landes befürworten. Sie möchten vorerst weiter in Groß-Gerau wohnen, denn „hier und in Darmstadt haben wir unsere Freunde, die NRD ist unsere Familie und Elisabeth Klein ist unsere Mutter“, sagt Sebghatullah. „Auch unserer Vormünderin und unserer Firma sind wir sehr dankbar“, sagt Arash, „sie haben so viel für uns getan“.

Arbeitstag von 5 bis 17 Uhr

Zum Foto gehen wir raus auf die Straße. „Das sind unsere Lamborghinis“, sagt Sebghatullah und deutet auf die Fahrräder, mit denen er und Arash morgens zum Bahnhof Groß-Gerau radeln. Um 5 Uhr stehen sie morgens auf, um pünktlich um 8 Uhr zur Arbeit in Oberursel zu sein. Nachmittags zwischen 17 und 18 Uhr kommen sie wieder in Groß-Gerau an. Hut ab vor so viel Einsatz!

Wo sehen sie sich im Jahr 2025? Nicht in Afghanistan oder im Iran, sondern hier in Deutschland. „Ich denke, ich habe dann meinen Bachelor in Maschinenbau“ sagt Arash. Und Sebghatullah: „Ich will meinen Meister machen und dann meine eigene Firma gründen.“ Haben sie Kontakt mit ihren Eltern und Geschwistern? Klar, via Skype. „Einmal die Woche“, sagt Sebghatullah, „der Empfang ist in Afghanistan oft nicht gut.“ Dreimal, sagt Arash. Was Eltern und Kinder bei diesen Gesprächen fühlen, muss man nicht fragen.                                 

Die NRD-Orbishöhe GmbH für Kinder-, Jugend- und Familienhilfe betreut derzeit 70 junge Menschen, die als unbegleitete minderjährige Ausländer nach Deutschland gekommen sind, 6 junge Frauen und 64 junge Männer. 39 von ihnen leben in stationären Wohngruppen, wo rund um die Uhr Personal anwesend ist. 18 werden in einem Hotel in ambulant-stationärer Mischform betreut, auch hier sind täglich Mitarbeitende präsent. 13 junge Erwachsene werden in ihren Wohnungen ambulant betreut und haben je nach Bedarf ein- bis zweimal pro Woche Kontakt mit ihren Betreuer*innen. 15 Personen haben bereits eine Ausbildung begonnen, zwei von ihnen haben diese bereits abgeschlossen und sind angestellt. Die jungen Erwachsenen kommen aus Eritrea, Äthiopien, Somalia, Guinea, Kamerun, Syrien, Iran und Irak.

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