"Es ist ein Geben und Nehmen"

13.06.2019 | Marlene Broeckers

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Marlene Broeckers

Texterin und Pressereferentin der NRD

"Es ist ein Geben und Nehmen"

„Es ist sehr, sehr schön geworden“. Christoph Mohn, Regionalleiter der NRD im Rhein-Main-Gebiet, sprach für viele Gäste, die im April 2017 am Tag der offenen Tür in den Neubau am Schlesienweg 17 in Dreieich-Sprendlingen gekommen waren. Allen gefiel das Haus und alle lobten die Innen-Gestaltung des zweigeschossigen Wohnhauses für 16 Menschen mit Behinderung mit den unterschiedlichsten Bedürfnissen an Assistenz, Pflege und Betreuung. Wie ist die Lage zwei Jahre nach dem Einzug? Marlene Broeckers machte sich im Gespräch mit Teamleiter Michael Günter und Wohnverbundsleiterin Tanja Tandler ein Bild.

Zwei Einzel- und ein Doppel-Apartment befinden sich im Erdgeschoss, eine Zweier- und eine Vierer-WG im 1. Obergeschoss, zwei Dreier-WGs im 2. Obergeschoss. Die Apartments im Untergeschoss bieten Bewohner*innen die Chance zunehmender Eigenständigkeit mit der Möglichkeit zum Rückgriff auf die Hausgemeinschaft, wenn es nötig ist. Die WGs in den Obergeschossen haben als Mittelpunkt jeweils einen großen Gemeinschaftsbereich mit Küche und Wohnzimmer-Nische und Zugang zu einem großen Balkon mit Blick auf die Kirche der Versöhnungsgemeinde. Die Altersspanne der Hausgenossen reicht von 20 bis 80 Jahre, der Assistenzbedarf ist höchst unterschiedlich. Zwei der Bewohner machen es erforderlich, dass eine Nachwache im Haus ist.

„Der Sozialraum, in dem wir uns hier befinden, ist einfach nur super“, sagte der Diplom-Pädagoge Günter. Er ist mit einer Gruppe von acht Personen aus dem Haus Arche auf dem Zentralgelände der NRD in Mühltal nach Sprendlingen umgezogen, für die acht übrigen Wohnplätze hatten sich Menschen angemeldet, die bislang bei ihren Familien in der Umgebung von Sprendlingen gewohnt hatten.

„Es ist ein Weltenwechsel“

Bevor wir näher auf den Sozialraum im Stadtteil Hirschsprung-Breitensee mit rund 4.200 Einwohnern zu sprechen kommen, hakt Tanja Tandler ein und stellt einmal grundsätzlich klar, dass der Umzug einem Weltenwechsel gleicht. Vorher, im Haus Arche, befand man sich im hintersten Zipfel des NRD-Geländes; jetzt ist man mittendrin im Leben. Man hat mit Nachbarn zu tun, erledigt den täglichen Einkauf zu Fuß, begleitet Bewohner*innen zu Freizeitangeboten um die Ecke oder über die Straße.

Drei der 16 Hausbewohner sind Senioren, alle anderen sind tagsüber in Werkstätten oder Tagesstätten tätig – und zwar in sieben verschiedenen Einrichtungen von 4 verschiedenen Trägern. „Es reicht ja nicht, sich überall mal blicken zu lassen“, sagt Michael Günter, „man muss die Einrichtungen und die Mitarbeitenden, mit denen unsere Bewohner*innen zu tun haben, wirklich kennenlernen und ein Vertrauensverhältnis aufbauen. Jede Werkstatt, jede Tagesstätte tickt anders“.

Das war in Nieder-Ramstadt wirklich leichter. Hier hatte Michael Günter, der seit 2003 in der NRD ist, kurze Wege und oft reichte auch ein Telefonanruf bei den Kolleg*innen, um zu erklären, dass ein Klient aktuell in einer besonderen Situation ist und sich anders verhält als üblich. Jetzt ist er mehr unterwegs, um sich und die NRD bekannt zu machen, die in der Stadt und im Kreis Offenbach erst seit vier Jahren vertreten ist. Es war der Landeswohlfahrtsverband, der sich wünschte, dass neben dem großen Träger der Region - der Behindertenhilfe Offenbach - auch die NRD Angebote im Raum Offenbach macht. Seit 2015 betreibt die NRD inzwischen ein Wohnprojekt mitten in Offenbachs Mathildenviertel, vor zwei Jahren kam das Wohnprojekt im Sprendlinger Norden hinzu. 

Frühzeitiger Einstieg

In diesem Fall war es Dreieichs Bürgermeister Dieter Zimmer, der auf die NRD zuging, und zwar sieben Jahre vor der Eröffnung. Die Stadt Dreieich war im Oktober 2007 mit dem Gebiet Hirschsprung-Breitensee in das Städtebauförderprogramm „Soziale Stadt“ aufgenommen worden. Das Programm im Rahmen der Hessischen Gemeinschaftsinitiative Soziale Stadt fördert die bauliche und soziale Stabilisierung von Stadtteilen, in denen sich kleinräumig soziale, städtebauliche, infrastrukturelle, ökonomische und ökologische Probleme konzentrieren.

Dieter Zimmer fragte in der NRD an, ob Interesse an einem Wohnangebot für Menschen mit Behinderung bestehe. Seit 2010 saß deshalb die Architektin Sabine Schmidt, in der NRD zuständig für die Entwicklung neuer Standorte im Zuge der Regionalisierung, in einem von der Stadt Dreieich organisierten Arbeitskreis mit vielen Akteuren zusammen, vor allem kommunale und kirchliche Träger aus Dreieich und Offenbach. Der Wunsch der NRD, das Eckgrundstück neben dem geplanten Stadtteilzentrum zu erwerben, ging in Erfüllung. Und da die NRD für die Planung des Hauses Schlesienweg 17 dieselben Architekten auswählte, die auch das Stadtteilzentrum realisierten, nimmt man die beiden Häuser heute als bauliche Einheit wahr.

Soziale Stadt

Die Einheit ist nicht nur eine bauliche. Im Rahmen des zehnjährigen Förderzeitraums „Soziale Stadt“ wurde im Quartier seit 2007 durch den Arbeitskreis bereits das Netzwerk RaBe (Raum der Begegnung) aufgebaut, das mit der Fertigstellung des Stadtteilzentrums im Februar 2017 einen räumlichen Mittelpunkt gefunden hat. Das Haus hat eine Lücke geschlossen, denn im Sprendlinger Norden gab es kaum eine Möglichkeit, sich einfach zu treffen, eine Kleinigkeit zu einem kleinen Preis zu essen und zusammenzusitzen. Der große Raum im Erdgeschoss dient mal als Café, mal als Ort für den günstigen Mittagstisch, den die drei NRD Senioren zweimal in der Woche nutzen. Im Haus gibt es einen Foodsharing-Kühlschrank und ein Bücherregal zur kostenlosen Ausleihe oder zum Spenden ausgelesener Bücher. Neu im Programm ist das Kunstprojekt, das mit Unterstützung des Rotary-Clubs Dreieich-Neu-Isenburg finanziert wird: Eine Kunstpädagogin leitet das kreative Angebot für Klient*innen der NRD, für Flüchtlinge und interessierte Bürger aus der Nachbarschaft. „Es ist ein Geben und Nehmen“ beschreibt Michael Günter die Nachbarsbeziehung zum Stadtteilzentrum. Tanja Tandler ist glücklich, dass sie die Räume abends gelegentlich zum Beispiel für ein Treffen mit Eltern nutzen kann. Und selbstverständlich kann Stefan Petzold, Leiter des Stadtteilzentrums, auf die NRD zählen, wenn mal schnell eine Waschmaschine mit Handtüchern zu waschen ist und die eigene Waschmaschine streikt.

Auch die Beziehungen zur Evangelischen Versöhnungsgemeinde direkt gegenüber der NRD könnten besser nicht sein. Den 80-jährigen Jürgen Claus, der an der kirchlichen Seniorengymnastik teilnimmt, müssen die NRD-Mitarbeitenden inzwischen nur noch bringen und holen: „Wir kommen zurecht, und falls etwas sein sollte, rufen wir an“, sagt die Leiterin der Sportgruppe.

Nachbarn gehören dazu

„Der Umgang miteinander ist hier wirklich anders als in Nieder-Ramstadt, einfach freundlicher“, stellt Michael Günter fest. Zum Beispiel ein paar Meter neben dem Stadtteilzentrum beim türkischen Bäcker: „Da wird selbstverständlich die Tür aufgehalten, wenn ich die Rollstuhlfahrerin Laura bei mir habe, und alle sagen freundlich Hallo. Das habe ich in Nieder-Ramstadt noch nie erlebt.“

Offen und neugierig begegnen die Hausbewohner ihrer Umgebung. Das heißt aber zumindest für die drei Senior*innen nicht, dass sie die Vergangenheit einfach hinter sich gelassen haben. Einmal in der Woche begleitet Mietek Jankowiak die drei zum Singen ins Wohnhaus der NRD in Groß-Gerau. Dort ist jetzt Johanna Schorell tätig, die vorher für die Seniorenbetreuung im Haus Arche in Nieder-Ramstadt zuständig war. Und die Senioren freuen sich auch, wenn Michael Maurer im Schlesienweg 17 auftaucht. Der Hausmeister im Haus Arche war schon in der Bauphase im Schlesienweg oft dabei und weiß, was zu tun ist, wenn die Haustechnik Probleme macht. „Michael Günter sammelt die Aufträge und dann komme ich alle zwei, drei Wochen her und erledige alles“, erklärt Maurer, der soeben ein Regal im Mitarbeiter-Büro im Erdgeschoss angebracht hat.

Gutes Team: Michael Günter und Tanja Tandler
Gutes Team: Michael Günter und Tanja Tandler

Auch Tanja Tandler, die den Wohnverbund Offenbach seit November 2018 leitet, kommt zurzeit noch oft vorbei, um mit Michael Günter und seinem 12-köpfigen Team zu reden. Sie wünscht sich starken Teamgeist und engen Austausch mit der 14 Kilometer entfernten Wohneinheit in Offenbach, wo 17 Menschen in sieben unterschiedlich großen Wohnungen in einem großen Komplex mit insgesamt 47 Wohnungen von 13 Mitarbeitenden begleitet werden. „Der Wohnverbund der NRD in Stadt und Kreis Offenbach wird wachsen“, sagt sie, „und unser Ziel ist es, zum sozialen Miteinander beizutragen und mit anderen Trägern gut zu kooperieren.“

Unser Bild ganz oben zeigt das Stadtteilzentrum. Hier gehen zweimal die Woche drei Senior*innen vom Schlesienweg 17 zum Essen. Es ist frisch gekocht, preiswert und schmeckt in wechselnder, netter Gesellschaft.

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