Fahren mit Herz

19.12.2018 | Marlene Broeckers

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Marlene Broeckers

Texterin und Pressereferentin der NRD

Fahren mit Herz

„Ich fahre leidenschaftlich gern Auto. Und ich habe sehr gern mit Menschen zu tun. Das ist die perfekte Arbeit für mich“. Seit sieben Jahren steht Gabi Schnellbacher, 62, in Diensten der Engler Transfer GmbH und befördert Beschäftigte der Mühltal-Werkstätten von A nach B. Rund 80 Kilometer pro Werktag legt sie mit dem roten Kleinbus zurück. Mittwochs und donnerstags hat sie mit jeweils rund 40 Personen die meisten Fahrgäste.

„Ich komme mit allen Menschen gut klar“, sagt die gelernte Einzelhandelskauffrau. Deshalb machte sie sich 2011, als sie ihre Arbeit in einer Kosmetikfirma verlor, auch keine großen Gedanken darüber, ob es irgendwie schwierig werden könnte, Menschen mit Behinderung zu transportieren. „Es sind Menschen, die ich fahre“, hat sie sich gedacht. Und heute sagt sie nichts anderes. Sie fährt Menschen zwischen den NRD-Standorten in Nieder-Ramstadt umher, zum Beispiel zu Begleitmaßnahmen während der Arbeitszeit wie Singen, Malen oder Sport. Und sie bringt Menschen nach der Arbeit zurück nach Hause. „Mit den meisten bin ich per Du, das ergibt sich im Lauf der Zeit. Manche erzählen mir ihre Sorgen oder sprechen darüber, wenn es mal Streit in der Werkstatt gab. Ich höre zu und gebe auch mal einen Rat.“ Zuhören, trösten und Rat geben, das kann eine Frau wie Gabi Schnellbacher zweifellos gut. Sie hat Lebenserfahrung, sie hat drei Kinder großgezogen. Und sie weiß, was sie tun muss, um ihr Auskommen zu sichern und dabei glücklich und zufrieden zu sein. Für Letzteres sorgt sie vor allem durch ihr Hobby: Puppenkleider nähen. Das macht sie seit vielen Jahren mit zunehmender Perfektion. Abnehmer findet sie auf Kram- und Handwerks-Märkten zwischen Odenwald und Taunus. „Macht viel Spaß!“ sagt sie.

„Ei Gabi, da bist du ja!“ begrüßt Ali Kala seine Fahrerin, als diese ihn um 12:30 Uhr in der Mühltal-Werkstatt 1 abholt. Ali Kala, 59, hat über 30 Jahre lang in der NRD-Gärtnerei gearbeitet und ist seit drei Jahren in der Mailing-Gruppe tätig. „Jetzt aber nur noch morgens“, erklärt er, „ich kann auch schon in Rente gehen – wenn ich will.“ Noch will er nicht, denn der kontaktfreudige Mann ist gern mit seinen Kolleg*innen zusammen. Jetzt aber, nach dem Mittagessen in der Kantine, freut er sich, nach Hause zu kommen und dort einen Mittagsschlaf zu machen. Er wohnt in Nieder-Ramstadt, es ist ein kurzer Weg, für ihn inzwischen zu Fuß aber doch zu beschwerlich.                             

Ali Kala nutzt wie fast 90 Prozent aller Werkstatt-Beschäftigten den Fahrdienst.
Ali Kala nutzt wie fast 90 Prozent aller Werkstatt-Beschäftigten den Fahrdienst.

Bevor sie Ali Kala zu Hause absetzt, fährt Gabi Schnellbacher noch die Mühltal-Werkstatt 2 an, um zwei weitere Halbtags- Beschäftigte abzuholen. Ali Aydemir hilft sie beim Einsteigen und Anschnallen, Ellen Plöser nimmt sie den Rollator ab und verstaut ihn im Gepäckraum. Und los geht’s. Erster Halt ist in der Konrad-Adenauer-Straße. Souverän legt Gabi Schnellbacher den Rückwärtsgang ein und fährt an einer Baustelle vorbei langsam nach hinten, direkt vor’s Haus, in dem Ellen Plöser in einer Zweier-Wohngemeinschaft lebt. Sie hilft ihrem Fahrgast beim Aussteigen, klappt den Rollator auf und „Tschüss, bis Morgen!“ Dann geht es in den Pulvermühlenweg. Vor dem Haus Nr. 21 steht gerade der Getränke-Lieferant. „Hallo Gabi“, ruft er, und bedeutet ihr, die Fensterscheibe herunterzulassen, damit er ihr eine kleine Flasche Limonade reichen kann: „Lass es schmecken, und gute Fahrt!“ Gabi Schnellbacher bedankt sich, dreht im Wendehammer um und hält vor dem Haus Nr. 21 an. „Ich steig’ alleine aus“, sagt Ali Aydemir. „Weiß ich doch“, meint die Chauffeurin, „mach‘s gut, bis morgen.“

„So in dieser Art läuft es ab“, erklärt sie, die in der Regel ausschließlich auf dem Zentralgelände, zwischen den beiden Werkstätten und in der näheren Umgebung Nieder-Ramstadts unterwegs ist. Zwischen den Werkstätten und den Kantinen befördert sie auch Hauspost und andere kleine Lieferungen hin und her.

Gabi Schnellbacher ist eine von 42 Fahrer*innen der Engler- Transfer GmbH, die für die NRD in Mühltal fahren. Sie alle arbeiten in Teilzeit, 25 von ihnen auf 450-Euro-Basis. Im Gegensatz zu Gabi Schnellbacher, die zwischen 9 und 15 Uhr Klient*innen fährt, haben die anderen geteilte Dienste. Morgens fahren sie Menschen zur Arbeit, nachmittags wieder nach Hause. Die meisten Fahrer*innen sind im Rentenalter und verdienen sich durch den Job etwas dazu. Engler-Transfer ist bestrebt, immer auch rund 40 Springer in Reserve zu haben, damit im Krankheitsfall oder im Urlaub alles wie gewohnt klappt. „Es funktioniert ja wie ein Linienbus-Verkehr“, sagt Fahrdienstleiterin Ursula Stielke, die ebenfalls eine Tour fährt.

Pünktlich und ortskundig

Pünktlich wie ein Linienbus-Verkehr müssen die roten Engler- Busse tatsächlich sein, aber noch ein bisschen mehr. „Kompetenz mit Herz“ ist laut Engler-Website das Markenzeichen der Firma, die in zehn Bundesländern der Republik tätig ist. Dass die Fahrer*innen ortskundig sind, dass sie sich mit Land und Leuten auskennen, prägt ebenfalls das Image des Transfer-Unternehmens. Alle sind geschult und fahren „ihr eigenes Auto“, was bedeutet, dass der Engler-Bus vor ihrer eigenen Haustür steht. So werden Anfahrtswege und -zeiten vermieden, und alle kennen sich mit ihren Fahrzeugen aus, die nach DIN-Norm auch für den Transport von Rollstuhlfahrzeugen gerüstet sind.

„ Fahrstil OK?“ Ein gelber Aufkleber mit Mobilnummer klebt an der Rückseite eines jeden Busses. Beschwerden hat sich Gabi Schnellbacher noch keine eingefangen, „und ich wüsste auch nicht, dass das ein Thema ist, das würden wir mitbekommen“, sagt sie. Am 1. Mittwoch eines jeden Monats treffen alle Fahrer*innen in der Mühltal-Werkstatt 2 zusammen, um ihre Fahrlisten mit Kilometer- Angaben und Tankquittungen an die Fahrdienstleiterin zu übergeben. Außerdem lädt Ursula Stielke jeden Mittwoch zu einem offenen Treffen ein. Es kommt, wer Lust und Zeit hat.

Auf dem NRD-Gelände fährt Gabi Schnellbacher langsam und vorsichtig. „Aber auch in den Straßen von Nieder-Ramstadt passe ich auf, hier sind viele Senior*innen zu Fuß unterwegs, und auch hinter‘m Steuer im Auto.“ Dass es ausgerechnet in Mühltal immer mal wieder Klagen gibt über „die vielen roten Busse“, kann Gabi Schnellbacher nicht verstehen. „Wenn man sich selbstständig bewegen kann, sollte man froh darüber sein“ meint sie, „von heute auf morgen kann sich das ändern, und man ist darauf angewiesen, dass jemand einen fährt und begleitet.“ Sie hat viel Bewunderung für die Werkstatt-Beschäftigten: „Die allermeisten sind so bemüht, jeden Tag gute Arbeit zu leisten. Da könnte sich manch anderer eine Scheibe abschneiden.“

Insgesamt sind rund 420 Menschen mit Behinderung in den Mühltal-Werkstätten und den Tagesstätten tätig. Etliche von ihnen kommen mit Bus, Bahn und zu Fuß zu Arbeit, viele aber sind dazu nicht in der Lage. 42 Kleinbusse sind werktags im Einsatz, um 375 Menschen zu befördern, die einen Rollstuhl nutzen, gehbehindert oder schwerstbehindert sind. 42 Kleintransporter – ist das wirklich viel für einen Betrieb, in dem 420 beeinträchtigte Menschen tätig sind? „Definitiv nicht“, findet Gabi Schnellbächer, „unsere Touren sind ja auch so geplant, dass eine gute Auslastung der Fahrzeuge gewährleistet ist. Mein Bus hat neun Sitzplätze, die sind nicht selten alle besetzt.“

Sie wünscht sich mehr Verständnis für Menschen mit Behinderung: „Sie haben doch dieselben Wünsche und Bedürfnisse wie wir alle. Das kann man sich eigentlich denken, aber die meisten verstehen es erst, wenn sie selbst betroffen sind.“ Was sie an ihren Kunden besonders schätzt: „Sie sind ehrlich und machen einem nichts vor.“

Verständnis für behinderte Menschen hat auch das Team im „Nahkauf“, dem kleinen Supermarkt in der Eberstädter Straße in Nieder-Ramstadt, wo Gabi Schnellbacher im Nebenjob an zwei Nachmittagen die Woche an der Kasse sitzt. Viele Kund*innen aus der NRD kaufen hier regelmäßig ein, werden freundlich bedient und lassen sich nah bei der Kasse auch gern mal nieder, um zu verschnaufen oder einen Kaffee zu trinken.

„Es ist doch immer ein Geben und Nehmen“, ist Gabi Schnellbachers Lebensphilosophie. Den Menschen in der NRD gibt sie viel. Sie transportiert nicht, sondern begleitet Menschen. „Frau Schnellbacher ist klasse“, sagt ein Mitarbeiter aus der Werkstatt, „ihr Geist entspricht der NRD.“                                       

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