Hauptsache Klarheit – Ritualworte und komplexe Vereinbarungen in der Tagesstätte

16.02.2018 | Marlene Broeckers

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Marlene Broeckers

Texterin und Pressereferentin der NRD

Hauptsache Klarheit – Ritualworte und komplexe Vereinbarungen in der Tagesstätte

Eine spezielle Tagesbetreuung für Menschen mit Autismus gibt es in der NRD seit 1997. Ab September 1997 erhielten fünf Personen Einzelbetreuung im Wohnhaus Emmaus. In kleinen Schritten folgte ab Dezember 1997 die Integration einzelner Klienten in die Tagesstätte. Als Angebot für Klienten mit Autismus und herausforderndem Verhalten ging im Mai 2000 das Team 5 an den Start. Hier werden inzwischen 20 Klient*innen in drei Gruppen betreut. Außerdem gibt es noch die sogenannte Kooperationsgruppe mit vier Klienten mit ganz speziellem Betreuungsbedarf. Zwei von ihnen gehören zum Team 5, zwei zum benachbarten Team 6. Seit 2014 arbeiten die Teams in umgebauten Räumen der Mühltalwerkstatt 1, die den vielfältigen  Bedürfnissen der Klientel gut entsprechen.
 
„Der reißende Strom wird gewalttätig genannt. Warum nicht das Flussbett, das ihn einengt?“ Anhand dieser Sentenz von Bertold Brecht  wurde das Betreuungs- und Raumkonzept für die Tagesstätten-Teams entwickelt. Die Teams 5 und 6 teilen sich zum Treppenhaus hin eine große Glastür, die beide Bereiche und ihre Klient*innen nach innen schützt. Kein Klient oder Gast kommt alleine hinein oder hinaus. Die Glastüren zum Außengelände hin sind unverschlossen und weit geöffnet, solange es die Jahreszeit zulässt. Klient*innen können jederzeit hinein und hinausgehen und sich draußen auch ohne Begleitung bewegen, denn das Außengelände ist durch Tore und Zäune geschützt.

Ob im Rückzugsraum oder bei der Arbeit: Die Klienten sind konzentriert und entspannt.
Ob im Rückzugsraum oder bei der Arbeit: Die Klienten sind konzentriert und entspannt.
Mitarbeitende bereiten die Produktionsmittel so auf, dass die Klienten sie optimal nutzen können: Auf dieser Tastatur sind nur fünf Tasten aktiviert.
Mitarbeitende bereiten die Produktionsmittel so auf, dass die Klienten sie optimal nutzen können: Auf dieser Tastatur sind nur fünf Tasten aktiviert.

In den 90 Minuten, die ich an einem Tag Ende September in einer Gruppe des Teams 5 verbringe, staune ich immer wieder über die Ruhe, die überall herrscht. Beim Gang über den Flur fallen die vielen Glastüren und große Glasfenster auf, die Einblick in die Räume gewähren. Auch ein Blick auf den Raumplan zeigt, wir viele Rückzugsräume und -wege es in diesem Bereich gibt.

Darauf beruht ein wesentlicher Teil des Arbeitserfolges: Menschen, die auf Gesellschaft und Reize mit Stress und Angst reagieren, haben hier vielfältige Möglichkeiten, sich in Sicherheit zu bringen, ohne aus der Gemeinschaft herauszufallen. Die Arbeit mit jedem und jeder Einzelnen beruht darauf, herauszufinden, welches die Stressfaktoren sind und wie man so darauf antworten kann, dass die Betroffenen sich sicher fühlen, andere nicht stören und niemanden gefährden.

Geliebter Reißwolf

Am Nachmittag, in der letzten Arbeitsphase vor der Abschlussrunde und dem Feierabend, sind vier Klient*innen der Gruppe  in einem Raum beschäftigt – jede*r für sich. Zwei Personen schreddern Akten, zwei andere digitalisieren Dias am Computer. „Das sind beides Arbeitsbereiche, die abgeleitet von den Fähigkeiten und Interessen der Klient*innen entwickelt wurden“, erklärt Teamleiterin Kristin Pissarek. Weil es Klienten gibt, die leidenschaftlich gerne Papier in den Reißwolf schieben, erwarb das Team die Zertifikation für die Vernichtung von Akten, die dem Datenschutz unterliegen. Was viele Menschen schon nach kurzer Zeit langweilen würde, ist für manche Autisten eine Lieblingsbeschäftigung: Drei Stunden am Tag – dies ist in etwa die Arbeitszeit während des sechsstündigen Aufenthaltes in der Tagesstätte – den Reißwolf zu füttern und dem Geräusch des Schredders zu lauschen, das macht gewissen Leuten Spaß.

Struktur durch 1-Cent-Münzen

Andere sind für die Digitalisierung von Dias und VHS-Videos zuständig und folgen dieser Beschäftigung schon seit vielen Jahren mit gleichbleibender Ausdauer. Gregor N. braucht einen speziellen Arbeitsplatz: Er arbeitet in einem der kleinen Rückzugsräume und sein PC steht in einem offenen Schrank. Die geöffneten Schranktüren dienen ihm dazu, sich zusätzlich von der Umgebung abzuschirmen, mit der er durch Glastür und großes Glasfenster verbunden bleibt.

An einem guten Tag geht Gregor mit einem „Arbeitslohn“ von 16 Cent nach Hause in die Bergstraße 1 a. Was es damit auf sich hat, erklärten Kristin Pissarek und ihr Kollege Heinz-Günter Alkemper: „Es war ein sehr langer Weg. Zunächst konnte Gregor N. hier gar nichts tun und es war schwer, mit ihm umzugehen. Irgendwann entdeckten wir seine Vorliebe für 1-Cent-Münzen. Diese Leidenschaft nutzten wir, um eine Arbeitsstruktur für Geregor zu entwickeln.“

Zusammen mit dem Klienten wurden Verhaltensregeln vereinbart und auf zwei Din-A-Seiten dokumentiert, die in einem der Räume an der Tür kleben: „Ich klopfe und schlage öfter an Türen, Fenster und Möbel“, heißt es da. Und weiter: „Viele Menschen mögen das nicht. Die Menschen haben ANGST oder sind dann ÄRGERLICH. Ich kann in den Aktionsraum gehen und Gegenstände schlagen. DAS IST IN ORDNUNG. Dann erschrecken sich die Menschen nicht. Wenn ich mit Schlagen und Klopfen fertig bin, kann ich wieder aus dem Aktionsraum rausgehen.“

Außer diesen Verhaltensregeln gibt es für Gregor gelbe und rote Karten, die ihm signalisieren, dass sein „Arbeitslohn“ in Gefahr oder gestrichen ist. Übrigens ist der „Lohn“ vom Taschengeld des Klienten selbst finanziert. Es geht also keineswegs darum, Geld zu verdienen, sondern um ein Regelwerk, das ihm Anreize gibt, sich rücksichtsvoll zu verhalten.

„Mein Kopftuch – deine Haare“

„Bei anderen genügen für solche Zwecke oft einzelne, kurze Sätze“, sagt Kristin Pissarek, die übrigens, ebenso wie ihr Kollege Heinz-Günter Alkemper auch PART-Trainerin ist. Für einen Klienten, der anderen gerne an den Haaren reißt oder die Brillen wegnimmt, oder eben auch das Kopftuch, das Kristin Pissarek trägt, fand sie den Satz: „Mein Kopftuch – deine Haare.“ Wenn der Klient unter Stress gerät und sich anschickt, nach ihrem Kopftuch zu greifen, dann reicht dieser Satz, um ihn zu stoppen. „Es funktioniert wie ein Ritual“, erklärt Kristin Piassarek, „der Wortlaut muss natürlich immer derselbe sein. Autisten vergewissern sich oft, ob die Abmachungen noch gelten, indem sie das Ritual-Wort abrufen. Klar, dass es einen intensiven Austausch und gute Dokumentation erfordert, um alle Beteiligten auf dem Stand zu halten.“

Seit 20 Jahren in der NRD: Teamleiterin Kristin Pissarek
Seit 20 Jahren in der NRD: Teamleiterin Kristin Pissarek
 

Zur sinnvollen Beschäftigung gehören neben der Arbeit auch Abwechslungen wie Schwimmen, spazieren gehen, Musik- und Bewegungsangebote sowie die Frauengruppe. Wichtig sind auch der Morgen- und der Abschlusskreis zu festgelegten Zeiten. Im Morgenkreis protokollieren zwei Klienten, was am Tag geplant ist, wer was tun wird und wer fehlt. Im Abschlusskreis wird überprüft, ob alles durchgeführt wurde und funktioniert hat. Dann geht es nach Hause. Einzelne haben eine Nachricht für den Wohnbereich in ihrem Tagesstätten-Buch, über andere wird zwischen Tagesstätte und Wohnhaus kurz oder bei Bedarf telefoniert. Rechtzeitig vor Feierabend hat Konrad P. seine Legespiel fertig und räumt es in den Schrank. 100 Hauptstädte der Welt über ihre Flaggen den richtigen Ländern zuzuordnen, das ist für ihn ein Kinderspiel. Amira G. hat wie so oft kurz vor Schluss ein Puzzle mir 300 Teilen angefangen. Dass bis zum Feierabend erst der Himmel fertig sein wird, stört sie nicht. Sie schiebt ihr Werk zusammen und wird morgen den Himmel neu in Angriff nehmen.

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  • Inklusion...

    ... heißt für mich, dass alle teilhaben. Es muss nicht immer alles perfekt sein, damit behinderte Menschen teilhaben können. Statt einer Super-Rampe tut es auch ein Stück Sperrholz. Und wenn das auch fehlt, kann man mich auch gerne mal über die Schulter werfen und irgendwo hinein tragen.

    Inklusion...
    Tobias Koch
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