Im Garten der Entfaltung

09.02.2018 | Marlene Broeckers

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Marlene Broeckers

Texterin und Pressereferentin der NRD

Im Garten der Entfaltung

„Ich bin eine Autistin, die man nicht in eine Schublade stecken kann. Man muss verschiedene Schubladen aufmachen – dann hat man mich“. Was Theresa Krause, 23, über sich selbst sagt, gilt für alle Menschen mit Autismus. Autismus umfasst ein großes Spektrum von Symptomen, die bei allen Betroffenen in unterschiedlicher Weise kombiniert sind und die alte Wahrheit bestätigen, dass jeder Mensch anders ist.

Theresa Krause  hat von 2014 bis Ende 2016 den Berufsbildungsbereich (BBB) der Mühltalwerkstatt besucht und ist seit einem Jahr in einem Betriebsintegrierten Beschäftigungsverhältnis (BiB) im Botanischen Garten Darmstadt tätig.

Erfolgsmodell BiB

Das BiB ist eine besondere Beschäftigungsform und kann ein wichtiger Schritt bei der Eingliederung in den allgemeinen Arbeitsmarkt sein. Die Gesamtverantwortung während eines BiB übernimmt die Werkstatt für Menschen mit Behinderung (WfBM). Dies macht es leichter für Firmen, einen Menschen mit Behinderung zu beschäftigen. Das Gehalt wird zwischen Firma und WfBM ausgehandelt. Die Werkstatt sorgt dafür, dass der oder die Beschäftigte unter möglichst normalen Bedingungen an der allgemeinen Arbeitswelt teilnimmt. Mitarbeitende der Werkstatt suchen nach geeigneten Firmen und bahnen den Kontakt an, begleiten die BiB’ler und stehen als Ansprechpartner auch den Firmen zur Verfügung, falls Fragen zu klären sind oder Probleme auftauchen. Wenn es gar nicht klappt, kann der oder die Beschäftigte in die Werkstatt zurückkehren und später einen neuen Anlauf machen.

Bertram Arnold, Mitarbeiter des BBB in der Mühltalwerkstatt, hatte im Fall von Theresa Krause kein Problem mit der Anbahnung, denn sie wusste von Anfang an, wohin sie wollte: In den Botanischen Garten der Technischen Universität Darmstadt. Dort hat sie schon während der Schulzeit – sie hat die anthroposophisch geführte Christophorus-Schule in Mühltal besucht – in der 8. Klasse ein erstes Praktikum gemacht. „Aus den geplanten zwei Wochen wurden damals vier, und am Ende war es fast ein Vierteljahr“, erzählt Theresa Krause lachend. „Das ist halt total mein Ding. Ich habe gerne mit Pflanzen zu tun und halte mich gern im Freien auf.“

An vier Tagen in der Woche ist sie nun von morgens 7:30 bis nachmittags um 16 Uhr im Botanischen Garten tätig. Den Freitag verbringt sie im BBB in Mühltal und nimmt dort zur Zeit an einem Fotokurs teil. Sie fotografiert Pflanzen im Botanischen Garten und lernt, sie in einer Exceldatei zu archivieren. Außerdem hat sie freitags dann auch Zeit, mit ihrem Betreuer Bertram Arnold zu sprechen und ihm zu berichten, wie es bei der Arbeit so läuft.

Es läuft ziemlich gut. Theresa Krause hat im BBB eine phantastische Entwicklung gemacht und entfaltet sich nun im Botanischen Garten weiter.  „Anfangs war Theresa sehr verschlossen“, sagt Arnold, „sie sprach zum Beispiel nicht mit Fremden. Und auch im BBB, wo sie die Leute schon kannte, war sie mehr als still“. Theresa Krause nickt bestätigend: „Das stimmt. Hätten Sie sich vor einem Jahr mit mir verabredet, dann wäre ich zwar brav gekommen, aber ich hätte meinen Mund nicht aufgemacht.“

Einmal pro Woche trifft sich Therese Krause mit Bertram Arnold, ihrem Betreuer aus dem Berufsbildungsbereich der Mühltal-Werkstatt.
Einmal pro Woche trifft sich Therese Krause mit Bertram Arnold, ihrem Betreuer aus dem Berufsbildungsbereich der Mühltal-Werkstatt.

Ich schlucke nicht mehr alles

Von sich aus das Wort zu ergreifen oder gar andere zu korrigieren, die ihrer Meinung nach etwas nicht richtig gesagt haben, das fällt Theresa Krause nicht leicht und war ihr noch vor zwei Jahren fast unmöglich. Vor allem gegenüber ihren männlichen Kollegen im BBB, die gern das große Wort führten, blieb sie am liebsten stumm. Doch Bertram Arnold stellte fest, wie gewissenhaft sie arbeitete. In einem inklusiven PC-Kurs der NRD konnte sie Mitarbeitenden aus der Verwaltung zu deren Erstaunen viele Tricks zu Word und Excel erklären. Bertram Arnold führte ihr immer wieder vor Augen, was sie alles gut kann und ermutigte sie, ihr Licht nicht immer unter den Scheffel zu stellen. „Jetzt werde ich allmählich ein bisschen aktiver und schlucke nicht mehr alles runter“, sagt Theresa Krause.

Mithilfe ihrer Mentorin Stephanie Zimmerer, Gärtnerin im Botanischen Garten, kommt sie am Arbeitsplatz immer besser zurecht. Die beiden Frauen arbeiten Seite an Seite und Theresa Krause konnte Stephanie irgendwann auch sagen, dass sie ein Problem hat mit der Männerstimme ihres Chefs, des Gartenmeisters Klaus Werner. „Der hat so eine tiefe Männerstimme, das fand ich am Anfang sehr bedrohlich. Und dann konnte ich nicht richtig reagieren“, erklärt Theresa Krause. Die Lösung bestand dann zunächst darin, im Dreieck zu kommunizieren. Klaus Werner sagte Stephanie Zimmerer, was Theresa Krause tun sollte und diese dolmetschte es dann mit ihrer helleren Frauenstimme weiter an Theresa Krause. Inzwischen ist das nicht mehr nötig, denn Theresa hat gelernt, dass der Gartenmeister gar nicht bedrohlich ist, sondern es gut mit ihr meint. Doch die Nähe von Stephanie Zimmerer ist ihr immer noch wichtig. „Wir verstehen uns so gut, ich meine, wir sind fast wie Freudinnen“, sagt Theresa Krause, „wir haben uns auch privat schon das eine oder andere Mal getroffen. Seit ich Steffi und ihren Freund kenne, kann ich mir zum ersten Mal vorstellen, von Zuhause auszuziehen und mit anderen Menschen in einer WG zu wohnen.“

35 Beschäftigte der NRD sind derzeit in BiB-Verhältnissen tätig. BiB ist ein Erfolgskonzept. Es wird, wie alles Erfolgreiche, getragen von Menschen, die sich etwas trauen. Die Mut zum Handeln und keine Angst vor Fehlern haben. Die Menschen nicht in Schubladen stecken, sondern bereit sind, Neues zu lernen.
Jetzt, im Winter, arbeitet Theresa Krause im Gewächshaus. Mögen alle Pflanzen, Menschen und Tierchen im Botanischen Garten dort eine gute Zeit haben und sich im nächsten Jahr mit neuer Kraft weiter entfalten!

Die Gärtnerin Stefanie Zimmerer (links) ist Theresa Krauses verlässliche Ansprechpartnerin im Botanischen Garten Darmstadt.
Die Gärtnerin Stefanie Zimmerer (links) ist Theresa Krauses verlässliche Ansprechpartnerin im Botanischen Garten Darmstadt.

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