Kleines Gerät – große Wirkung

29.07.2019 | Hanna Ashour

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Hanna Ashour

Hanna Ashour ist Referentin für Kommunikation der NRD. Ihr Einsatzgebiet ist der Regionalverbund Rheinland-Pfalz.

Kleines Gerät – große Wirkung

Für Karina Beyer ist heute, am 14. Mai, ein ganz besonderer Tag. Zum zweiten Mal bekommt sie eine Einweisung in den Umgang mit einem neuen Gerät, das künftig ein wichtiger Bestandteil in ihrem Leben sein wird. Es handelt sich dabei um ein Tablet, das als Kommunikationsgerät mittels Infrarottechnik, einer Kamera und einer speziellen Software mit den Augen bedient werden kann.

Karina Beyer ist gehörlos und kann verbal sehr wenig kommunizieren. Während sie sich bis vor einigen Monaten noch gut über die Gebärdensprache mitteilen konnte, ist inzwischen dieser Kommunikationsweg kaum noch möglich. Grund dafür ist eine fortschreitende Erkrankung, die zu starken Bewegungseinschränkungen führt.

Die neue Technik kann für die 42-Jährige daher künftig der Schüssel zur Kommunikation mit ihrer Umwelt sein. Um sie schon frühzeitig an die Technik heranzuführen, arbeitete Karina Beyer in den letzten zwei Jahren bereits mit einem Tablet. Auch an ihrem Arbeitsplatz in der Tagesförderstätte ist sie beim Einscannen von Dias mit der Arbeit am PC vertraut. Das neue Gerät sollte dann künftig auch dort zum Einsatz kommen, so dass sie auch weiterhin am Alltag der Tagesförderstätte teilhaben und einer sinnstiftenden Beschäftigung nachgehen kann.

„Obwohl es mit einem Anschaffungswert von 16.000 Euro eine kostspielige Sache ist, mussten wir nicht lange darum kämpfen. Bei Karina Beyer wurde schnell erkannt, dass die Notwendigkeit einer augengesteuerten Technik besteht“, erklärt Simone Wolf, Fachberaterin mit dem Schwerpunkt der Unterstützten Kommunikation im Wohnverbund Wallertheim. Wer ein solches Gerät beim zuständigen Kostenträger beantragen möchte, braucht verschiedene Unterlagen dafür. Grundsätzlich muss dabei zunächst ein Kostenvoranschlag eingeholt werden, der die zu erwartenden Kosten des Gerätes abbildet. Im nächsten Schritt wird dann in der Regel auch noch ein fachliches Gutachten benötigt, das die Notwendigkeit der Kommunikationsunterstützung beschreibt. Damit kann schließlich ein ärztliches Rezept ausgestellt und der Antrag beim Kostenträger eingereicht werden.

Von jetzt auf gleich lässt sich das neue Gerät jedoch nicht steuern. Während Karina Beyer auf ihrem Tablet Puzzles mit bis zu 150 Teilen lösen konnte, muss sie hier erst mal bei Null anfangen. „Das Steuern ist gar nicht so leicht und man muss viel üben. Einem Kind gibt man ja auch keinen Stift in die Hand und es kann dann perfekt malen und schreiben“, veranschaulicht Christoph Kehl von der Firma „Humanelektronik“. Er kennt die Technik ganz genau und macht Menschen regelmäßig mit der Nutzung vertraut. Neben Karina Beyer erklärt er heute auch den Bezugsmitarbeiter*innen aus ihrer Wohngemeinschaft und der Tagesförderstätte, wie das Gerät funktioniert und welche Herausforderungen es mit sich bringt. Auch ihr Vater war schon bei einem ersten Termin zur Einweisung dabei. Alle müssen wissen, wie es funktioniert, um die 42-Jährige bestmöglich im Umgang damit zu unterstützen.

Dabei beginnt alles mit der richtigen Einstellung. Das Gerät wird in eine Halterung eingeklickt und auf die richtige Höhe für die Nutzerin angepasst. „Das Praktische dabei ist, dass es sozusagen für jede Lebenslage eine passende Halterung gibt – also etwa am Tisch, am Rollstuhl oder im Bett“, erklärt Christoph Kehl. Bei der ersten Anwendung erfolgt im nächsten Schritt eine Kalibrierung, also eine Vermessung der Augen. Der Abstand vom Gesicht zum Bildschirm sollte dabei ungefähr 60 bis 70 Zentimeter betragen. Nach dieser Vermessung ist das Gerät ausschließlich auf die Augen der Nutzerin eingestellt und nur sie kann es dann mit ihren Augen steuern.

Die erste Hürde: Karina Beyer trägt eine Brille, die silberne Metallpunkte am Gestell hat. Für die Erfassung über Infrarot kann dies irritierend sein und so werden manchmal nicht die Augäpfel, sondern eben die silbernen Punkte fokussiert. Der erfahrene Experte kennt aber einen Trick, um dem vorzubeugen: „Man kann einfach ein bisschen Haarspray auf das Gestell sprühen, das hilft meist schon.“ Dann wird die Kommunikationssoftware gestartet und die vielfältigen Möglichkeiten, mit der Umgebung zu interagieren, werden sichtbar.

Nach und nach gelingt es Karina Beyer, mit dem Fixieren von Symbolen auf dem Bildschirm mit den Augen einen Mausklick auszulösen. Ein kleiner roter Punkt zeigt immer an, wo sie sich auf dem Bildschirm gerade befindet. Für die erste Übung klappt das gut mit der speziellen Software „Look to learn“. Diese Lern- und Spielprogramme wurden eigens für die Nutzung mit einer Augensteuerung entwickelt und tragen zu Erlebnissen einer gelingenden Anwendung bei. Sichtlich Spaß macht hierbei zum Beispiel die „Tortenschlacht“, bei der man Bilder von Personen hochladen kann und mit Auslösen des „Augenklicks“ eine Torte ins entsprechende Gesicht schleudert. Dass das Gerät aber sehr viel mehr als Spiele bereithält, betont Simone Wolf: „Wenn Karina Beyer sich eingearbeitet hat, kann sie damit auch noch mehr machen. Zum Beispiel andere Geräte bedienen, Filme oder Bilder schauen, lesen und schreiben – sich eben einfach mitteilen und so weit, wie es ihr möglich ist, selbstbestimmt sein.“            

*Name von der Redaktion geändert                             

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