Reittherapie hilft Kindern mit Beeinträchtigung

07.10.2020 | Philine Steeb

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Philine Steeb

Philine Steeb ist Online-Managerin der NRD

Reittherapie hilft Kindern mit Beeinträchtigung

Regelmäßig besuchen die Schüler*innen und Lehrer*innen unserer Wichernschule einen Reiterhof zwischen Reinheim und Groß-Bieberau. Die dortige Reittherapie ist für die Kinder sehr heilsam: Sie stärkt ihr Köpergefühl und lässt die Kinder richtig aufblühen.

In Corona-Zeiten ist es nicht immer leicht, die Mimik eines Menschen zu deuten. Doch bei Cassandra sieht man trotz schwarzer Maske sehr gut, wie sie sich gerade fühlt: Ihre Augen strahlen vor Glück. Das junge Mädchen sitzt stolz auf einem Pony und genießt die Runden über den Platz. Möglich macht das Nadine Eichler von „Ponys helfen Kindern“. Sie hat sich mit ihrem Hof auf Reittherapie für Kinder mit geistiger und körperlicher Beeinträchtigung spezialisiert.

Cassandra besucht die NRD-Wichernschule in Mühltal, eine Schule für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Sie ist heute zusammen mit ihrer Mitschülerin Hannah und Erzieherin Stefanie Langner auf dem Hof. Auch Hannah freut sich, endlich wieder reiten zu dürfen. Mit Beginn des Lockdowns musste das Angebot coronabedingt bis Ende Mai pausieren. Seitdem dürfen nur zwei Kinder pro Termin an dem Angebot teilnehmen. Normalerweise kommt die Wichernschule jede Woche mit fünf Siebtklässlern auf den Hof. Wer aus der Klasse mitkommt, entscheiden die Lehrkräfte danach, wer gerade am meisten Bedarf hat. Die vierzehnjährige Hannah ist die Klassenälteste und verständigt sich fast ausschließlich über Gesten. Durch ihr sehr aufgeschlossenes Wesen kommt sie aber trotzdem schnell in Kontakt mit ihrem Umfeld. Auch ihr merkt man deutlich an, wie viel Spaß ihr das Reiten macht. Ganz besonders zeigt sie das nach ihrem Ritt, als sie ihren Daumen hochreckt und dabei lacht.

An diesem Tag gibt es für die beiden Siebtklässlerinnen vieles auf dem Hof zu erleben. Neben dem Reiten steht heute auch Fellpflege und Ausmisten auf dem Programm. Das stärkt die Bindung zum Tier und trainiert die Koordination und Motorik der Mädchen. Ein besonderes Erlebnis aber ist der Besuch von Hufpfleger Stefan Dietrich aus Bad König. Er bringt die Hufe der Ponys auf eindrucksvolle Weise in Form und erklärt den Mädchen, dass Pferde heutzutage eigentlich keine Hufeisen mehr brauchen, wenn die Ernährung stimmt und die Tiere nicht pausenlos in Boxen stehen oder den ganzen Tag arbeiten müssen. Er selbst ist auch „Barfußgänger aus Überzeugung“, wie er sagt. „Schuhe trage ich nur beim Autofahren und bei der Arbeit.“ Fasziniert schauen die beiden Mädchen dabei zu, wie er mit einer unterarmlangen Feile die Hufe abschleift.

Erzieherin Stefanie Langner gefällt an Nadine Eichlers Konzept besonders, dass die Mädchen nicht nur aufs Pferd gesetzt werden und ein paar Runden reiten, sondern auch vieles rund ums Pferd lernen und zum Teil sogar selbst anpacken können: „Ich habe schon viele Angebote zur Reittherapie erlebt, aber das hier ist etwas ganz Besonderes. Frau Eichler ist den Kindern wie auch den Pferden sehr zugewandt, ihre Reittherapie ist ganzheitlich.“ Großen Wert legt Nadine Eichler auch darauf, dass die Ponys freiwillig mitmachen und mit Spaß an der Sache dabei sind. Deshalb führt sie beim Reiten die Ponys stets an einem langen Strick. Um die Kinder sicher zu begleiten, gibt es einen breiten Gürtel, an dem Nadine Eichler die Mädchen festhält. So kann sie die Mädchen auffangen, sollten sie vom Pferd rutschen. Einige Kinder können aufgrund von körperlichen Beeinträchtigungen nicht in einem gewöhnlichen Sattel sitzen. Das ist aber kein Problem, denn auf Nadine Eichlers Ponys können die Kinder auch seitlich sitzen oder auf dem Pferderücken liegen.

Egal, welche Position die Kinder einnehmen, eins haben sie alle gemeinsam: Sie blühen beim Reiten richtig auf. Reitpädagogin Bettina Eberle, die für Nadine Eichler arbeitet, erzählt von einem Mädchen mit Autismus, das sehr zurückhaltend war gegenüber den Menschen und den Ponys und zunächst mit der Reittherapie nichts anfangen konnte. Am Ende der Therapie hat sie sich so gut entwickelt, dass sie sogar die Hand von Bettina Eberle gehalten hat. Auch Stefanie Langner kennt diese großen Fortschritte von ihren Schüler*innen: „Hier gibt es Reize, die die Schule nicht bieten kann: Sich aufrichten zu müssen, die Reaktionen vom Pferd zu spüren – für das Körpergefühl ist das sehr heilsam. Kinder, die sonst nicht viel sprechen, reden auf einmal viel nach dem Reiten und benutzen auch ganz neue Wörter.“ An die tolle Entwicklung einer Schülerin erinnert sie sich besonders: „Letztes Jahr war eine Schülerin dabei, die sich nicht traute, auf das Pferd zu steigen. In der Schule wurde dann das Steigen auf einen Hocker geübt und sie konnte letztendlich aufsitzen und sich ihren Wunsch vom Reiten erfüllen.“ Bei Kindern im Rollstuhl beobachtet Nadine Eichler, dass es ihr Selbstvertrauen stärkt, und dass es für sie ein „tolles Erlebnis ist, mal größer zu sein als alle anderen.“

Auch das gehört dazu: Beim Ausmisten helfen
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Hufpfleger Stefan Dietrich bei der Arbeit
Hufpfleger Stefan Dietrich bei der Arbeit
 

Auch Nadine Eichlers 8-jährige Tochter Sarah nutzt einen Rollstuhl und besucht ebenfalls die Wichernschule. Für sie hatte Nadine Eichler früher selbst nach einer Reittherapie gesucht und kein passendes Angebot gefunden. Deshalb hat sich die Betriebswirtin zur Reittherapeutin ausbilden lassen. Um Erfahrungen mit Kindern mit unterschiedlichen Förderbedarfen zu sammeln, hat sie außerdem beim Familien unterstützenden Dienst der NRD gearbeitet. Nach zwei Jahren hat sie sich mit ihrem wunderschönen, großen Hof zwischen Reinheim und Groß-Bieberau dann als Reittherapeutin selbstständig gemacht.

Nach der Corona-Zwangspause hofft sie nun, dass ihre Angebote wie Reittherapie, Ferienfreizeiten und Reitunterricht wieder gut anlaufen. Die Frühlingsmonate waren trotz Corona-Soforthilfe hart, bei vollen Ausgaben hatte sie drei Monate lang keine Einnahmen. Ihre Kunden sind 30 Privatpersonen, der Familien unterstützende Dienst der NRD, der zweimal pro Woche kommt, und die Wichernschule. Neben der Reittherapie für die siebte Klasse bietet sie auch noch eine klassenübergreifende Reit-AG an. Die AG wurde dieses Schuljahr über die Sparkassen-Stiftung finanziert und geht immer vom Ende der Herbstferien bis zum Anfang der Osterferien. Wenn sie zu zweit sind, fahren Nadine Eichler und Bettina Eberle dann auch schon mal mit den Ponys zur Wichernschule. „Das ist schön für die Kinder, die nicht so mobil sind“, erzählt Nadine Eichler. Für Privatpersonen ist ein Zuschuss durch die Krankenkasse zwar möglich, aber schwierig. „Manchmal kann neben der Krankenkasse auch das Jugendamt oder die Verhinderungspflege finanziell unterstützen, aber es ist ein richtiger Kampf, das genehmigt zu bekommen“, sagt sie. Und das, obwohl die Fortschritte der Kinder eigentlich für sich sprechen. Gemeinsam mit anderen Reittherapeuten hat Nadine Eichler den Verein „Zauberpferd e. V.“ gegründet. Der Verein organisiert Spendenprojekte, wie zum Beispiel erlebnispädagogische Veranstaltungen, damit möglichst viele Kinder von der Reittherapie profitieren können.

Nach zwei Stunden müssen sich Cassandra und Hannah von Pony Skalda verabschieden. Aber natürlich nicht, ohne dem geduldigen Tier noch eine kleine Belohnung zu geben. Heute haben sie drei Möhren und einen Apfel von zuhause mitgebracht, über die sich Skalda sofort genüsslich hermacht. Beim Füttern fällt Cassandra auf, dass Skalda beim Rundendrehen ein paar Pferdeäpfel verloren hat. „Also so kann man das nicht lassen“, ruft sie, „das muss ich auf jeden Fall noch wegmachen.“ Sie übernimmt Verantwortung und zeigt damit, welche wichtigen Erfahrungen die Kinder in der Reittherapie machen.

Kontakt zu „Ponys helfen Kindern“:
Nadine Eichler, info@ponys-helfen-kindern.de oder 06154-69 79 333.

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