Wenn Sie hier klicken, erlauben Sie die Anzeige des Spendenbuttons. Datenschutzinformationen

"Ich habe ihr gegeben, was ich ihr geben konnte"

08.12.2022 | Joachim Albus

Autor

$author

Joachim Albus

Joachim Albus arbeitet als Pressereferent und Texter für die NRD.

"Ich habe ihr gegeben, was ich ihr geben konnte"

Sie war die erste Frau im Vorstand in der über 100-jährigen Geschichte der Nieder-Ramstädter Diakonie: Brigitte Walz-Kelbel. Die gebürtige Odenwälderin wurde im Oktober 2014 Vorständin der NRD. Nun geht sie in den Ruhestand.

Dabei sahen ihre Berufspläne ursprünglich ganz anders aus: Selbstständig machen wollte sie sich, als Supervisorin im Odenwald. Aber der Reihe nach: Sie studiert Religionspädagogik, arbeitete in dieser Zeit in einer Fabrik. Am Fließband wird ihr klar, dass sie diese Eintönigkeit nie mehr haben will, in ihrem Beruf Lebendigkeit und Abwechslung braucht. Nach dem erfolgreich abgeschlossenen Studium arbeitete sie dann lange Zeit in einer Kirchengemeinde, bevor sie Landesbeauftragte für Blindenseelsorge bei der EKHN in Darmstadt wurde. In dieser Zeit machte Brigitte Walz-Kelbel zahlreiche Fort- und Weiterbildungen, unter anderem zur Supervisorin, zur Organisationsentwicklerin und zum Coach. In der EKHN baute sie eine Ehrenamtsbörse auf: Begleitung blinder Menschen bei Freizeitaktivitäten. Die stieß auf großes Interesse, immer wieder hielt sie Vorträge, durfte berichten. So auch im Diakonischen Werk Odenwald. Der damalige Leiter, kurz vor dem Ruhestand, sprach sie nach einem Vortrag an, ob sie nicht seine Stelle übernehmen wolle. „Ich hielt das zunächst für einen Scherz“, sagt Brigitte Walz-Kelbel rückblickend und lacht.

Von der EKHN in die Leitungsposition eines Diakonischen Werkes

Doch es war keiner. Sie entschied sich, von der EKHN in die Diakonie zu wechseln. Nach fünf Jahren – der Odenwald wurde ihr zu eng, zu „festgefahren“ – ging sie zum größeren Diakonische Werk Bergstraße. Als eine Bekannte sie im Juni 2014 auf die vakante Stelle des pädagogischen Vorstandes in der NRD ansprach, zögerte sie. Eine Woche war es da noch bis zum Bewerbungsschluss. Sie besprach sich mit ihrem Mann – und verbrachte die drei darauffolgenden Tage damit, die Bewerbung zu schreiben. Mit Erfolg. Der Umstand, dass sie beide Organisationswelten – die der Kirche und die der Diakonie – von innen kennt, kam Brigitte Walz-Kelbel sicher zugute.

„Als Odenwälderin kennt man die NRD“, sagt sie. Schon am Ende ihrer Konfirmanden-Zeit zeigte ihr der Pfarrer „die Heime“ in Nieder-Ramstadt. „Ich erinnere mich, dass ich in der Gruppe war, die durch das Bodelschwingh-Haus geführt wurde“, erzählt die Vorständin. Den damaligen Vorstand Walter Diehl kannte und schätzte sie bereits aus ihrem früheren Arbeitsleben, zwei Jahre, bis 2016, bildeten sie das NRD-Führungsduo. „Ich habe mich damals sehr geehrt gefühlt, dass ich hier Vorständin sein darf“, sagt sie und ergänzt: „Dieses Gefühl der Dankbarkeit hat sich bis heute gehalten.“

Warmer Empfang

Auf dem Hessentag 2017
Auf dem Hessentag 2017

Die NRD nahm sie herzlich auf, sie traf auf viele neugierige Menschen, die wissen wollten, wie die erste Frau im Vorstand der Nieder-Ramstädter Diakonie so tickt. Sie stand unter scharfer Beobachtung – und anfänglich spürte sie hier und da Selbstzweifel, ob sie wirklich alle Themen, die auf sie zurollten und für die NRD essenziell waren, erkennen würde. Doch die Zweifel waren unbegründet. Früh nahm sie wahr, welche Dimension, welches Gewicht etwa das BTHG für die NRD haben würde, gründete dafür eine eigene Stabsstelle. Sie wusste früh: Schafft die NRD die Umsetzung des BTHG nicht, würde die gesamte Organisation wirtschaftlich zugrunde gehen.

Doch zunächst stieß die neue Vorständin in der NRD auf die damals üblichen hierarchischen Unternehmensstrukturen. Das Wort des Vorstandes galt als gesetzt und wurde nicht hinterfragt – für Brigitte Walz-Kelbel nicht das Verständnis von Führung. „Ich kann ja gar nicht für alles Expertin sein. Ich kann gut Dinge steuern und den Überblick behalten. So hat jeder seine Stärken. Mir macht Arbeit am meisten Spaß, wenn man etwas gemeinsam entwickelt.“ Es sei ein längerer Prozess gewesen, bis ihr kommunikativer Führungsstil bei den Mitarbeitenden ankam.

Mit Christian Fuhrmann bekam sie 2016 einen Vorstandskollegen an ihre Seite, der in die gleiche Richtung ruderte. „Heute bin ich richtig stolz drauf, wie wir mit den Kolleg*innen auf Augenhöhe über Zahlen und Entwicklungen reden und uns anhören können, wie beispielsweise die Situation im Wohnverbund oder der Region ist, was wirtschaftlich vertretbar ist und was nicht“, konstatiert Walz-Kelbel, die stets eine direkte, offene und ehrliche Kommunikation pflegte – und das auch von ihren Kolleg*innen einforderte. Am liebsten ist es ihr, Konflikte sofort zu besprechen. Ein zentraler Leitsatz für die Supervisorin: Beziehung kommt vor Inhalt. „Wenn man sich untereinander versteht, kann man alles zusammen schaffen. Wenn aber etwas zwischen einem steht, ist alles schwierig und anstrengend. Dabei geht es gar nicht darum, immer mit jedem befreundet zu sein. Aber: Man hat in jedem Fall eine gute Arbeitsbeziehung herzustellen – mit aller Kraft, die einem dafür zur Verfügung steht“, sinniert sie.

100-prozentiges Vertrauen

Genauso wichtig wie ein gutes Miteinander war Brigitte Walz-Kelbel auf Vorstandsebene das Vertrauen zu ihrem Kollegen Christian Fuhrmann. „Wenn Christian Fuhrmann und ich uns nicht 100 Prozent vertraut hätten, hätte das nicht funktionieren können. Wir haben so viele Abstimmungsthemen, bei denen man sicher sein muss, dass der andere mitgeht, auch wenn er mal nicht da ist. Nur so kann ich arbeiten, ich kann gar nicht anders. Ich muss Vertrauen haben, zumal ich selbst ein absolut ehrlicher Mensch bin“, sagt sie. Intrigantes oder egoistisches Verhalten ist ihr ein absolutes Gräuel. „Jeder hat immer die Aufgabe, den anderen gut dastehen zu lassen“, beschreibt sie ihren Teamgedanken. „Es kann nicht sein, dass nur einer oder eine glänzt. Das geht gar nicht!“

Gemeinsam gegen das Covid-Virus
Gemeinsam gegen das Covid-Virus

Brigitte Walz-Kelbel kam früh morgens ins Büro und ging spät – besonders in der ersten Zeit der Corona-Pandemie brachte sie das an den Rand der Erschöpfung. Und das, nachdem sie schon 2018 merkte, dass sie sich „ein wenig zu viel aufgehalst hatte“ – und ihre Aufgabe in der NRD für eine gewisse Zeit ruhen lassen musste. Die Vorständin begegnete 2019 der damals beginnenden Corona-Pandemie, indem sie einen Krisenstab gründete, den es bis heute gibt. „Wir waren monatelang nur im Dienst, rund um die Uhr, waren immer ansprechbar und einsatzbereit. Irgendwann habe ich erkennen müssen, dass ich langsamer machen musste, weil ich gar nicht mehr abschalten konnte, nicht einmal mehr nachts. Das war eine sehr harte Zeit für mich, für uns alle“, blickt sie zurück.

Mitten drin

Beim Verteilen von Flugblättern
Beim Verteilen von Flugblättern

Stets war sie mitten drin, nicht nur dabei. Man traf sie bei Sommer- und Weihnachtsfesten, bei Nikolausfeiern, bei Abschieden, Jubiläen und Ehrungen, in der Kunstwerkstatt, im Gartenmarkt und Secondhand-Shop. Ihre Botschaft war stets: „Eure Arbeit wird gesehen!“ Sie war sich nicht zu schade, morgens vor Sonnenaufgang auf dem Gelände Flugblätter zu verteilen. Sie war, soweit es ihr eng getakteter Zeitplan zuließ, am liebsten auf dem Gelände unterwegs, immer in der Hoffnung, jemanden für ein kleines „Schwätzchen“ zu treffen. Je mehr Menschen sie begegnete, ganz egal ob mit oder ohne Beeinträchtigung, desto wohler fühlte sie sich. Für sie war das normal, sah sich dabei nie als die NRD-Chefin, sondern als eine von vielen. „Die einzige Herausforderung war für mich dabei immer das Zeitmanagement“, erläutert sie lächelnd. Brigitte Walz-Kelbel wollte nah dran sein – und war es.

Brigitte Walz-Kelbel sah sich in ihren acht Jahren als Vorständin der NRD als Teil einer Dienstgemeinschaft. „Ich bin in meiner Position auch nur Dienstleisterin für alle anderen“, klingt das bei ihr. Hatte sie morgens drei Unterschriften-Mappen auf dem Tisch, war es für sie selbstverständlich, diese so schnell wie möglich durchzuarbeiten, damit ihr Team weiterarbeiten konnte.

Startschuss für das neue Wohngebiet "Dornberg" in Mühltal
Startschuss für das neue Wohngebiet "Dornberg" in Mühltal

Mit ihrer Authentizität („Ich denke, bei mir weiß man, woran man ist.“) gewann sie – vor allem die Sympathien ihrer Kolleg*innen und Klient*innen. Ihre Aufgaben erledigte sie mit Herz und Leidenschaft, wie sie bekräftigt. „Die Mitarbeitenden, die täglich um mich herum waren, wissen schon eine ganze Menge über mich“, sagt sie. Gemeinsamen Unternehmungen folgten Einladung ins Haus Walz-Kelbel im Mossautal.

Das alles wird sie bald nicht mehr haben. „Es war der schönste Job meines Lebens!“, sagt sie, während sich ihr Blick in die Ferne richtet und ihre Augen feucht werden. Und wiederholt, wie dankbar sie dafür ist. Bereut sie etwa ihre selbst getroffene Entscheidung, aus der NRD auszuscheiden? „Es gab diese Phase tatsächlich“, bestätigt sie und lächelt. „Es gab diese Zeit, in der ich meine Entscheidung selbst nicht verstanden habe. Durch diese Phase bin ich allerdings durch!“ Sie steht dazu, zu 100 Prozent: „Ich habe das so gewollt. Trotzdem bin ich sehr oft sehr traurig in diesen Tagen. Es ist eine emotionale Zeit für mich.“

Mit Vorstandskollege Christian Fuhrmann
Mit Vorstandskollege Christian Fuhrmann

Sorgen, dass der scheidenden NRD-Vorständin im Ruhestand langweilig werden könnte, muss sich niemand machen. Mit ihrem Mann, mit dem sie sich nach eigenem Bekunden „sehr gut versteht“, unternimmt sie viel, ohnehin hat sie viele Hobbies, ist gern in der Natur, macht Sport, bastelt gern mit Holz, liebt ihren Garten, fährt gerne Fahrrad, hat gute Freunde. „Ich gehöre nicht zu denjenigen, die ihren Ruhestand im Voraus planen. Auf was ich mich am meisten freue, ist die Ruhe, die Zeit daheim. Meine 14-Stunden-Tage haben schon Spuren hinterlassen, eine Vorständin einer solchen Organisation hat ständig eine ziemlich hohe Drehzahl“, sagt sie. „Ich möchte runterkommen, langsam werden.“ Bald hat sie mehr Zeit für ihre sechs Monate alte Enkeltochter, die mit ihren Eltern in Dresden wohnt und für ihre 85-jährige Mutter.

Übergabe an den Nachfolger

Anfang Dezember 2022 startete ihr Nachfolger Dr. Thorsten Hinz in der NRD. Brigitte Walz-Kelbels wohl größte Errungenschaft ist der kommunikative und direkte Führungsstil. „Ich glaube, dass Herr Hinz hier sehr gut andocken kann an dem, was aufgebaut worden ist“, sagt sie. „Er findet Strukturen, vor allem auf der Ebenen der Zusammen- und Beziehungsarbeit, die gesund und belastbar sind. Ich habe der NRD das gegeben, was ich ihr geben konnte. Es gibt hier eine sehr gute Basis, um inhaltlich weiterzukommen.“ Und inhaltliche Arbeit wartet auf den Neuen mehr als genug, allen voran die Geschäftsbereiche Teilhabe und Kinder, Jugend und Familie, die sie beide auf einem „sehr guten Weg“ sieht.

Als sie die Arbeit 2014 in der NRD anfing, musste sie ihren Plan, sich als Supervisorin selbstständig zu machen, aufgeben – sie hatte schnell erkannt, dass dafür keine Zeit mehr war. Aber: „Ich hatte hier täglich Live-Coaching bzw. Live-Supervisionsmöglichkeiten. Hier habe ich wirklich alles anwenden können, was ich zu diesem Thema gelernt habe.“ Brigitte Walz-Kelbel geht mit einem zufriedenen und stolzen Gefühl. „Die Zeit hier war ein Geschenk für mich!“, sagt sie und … na, Sie wissen schon. Sie hat der NRD sehr gut getan. Inhaltlich wie menschlich.

0 Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar zu dieser Seite

Antwort auf:  Direkt auf das Thema antworten

Jetzt Spenden

Menschen mit Behinderung brauchen Ihre Hilfe!

 
  • Inklusion ...

    ... heißt für mich Integration von Menschen nicht nur ins Arbeitsleben, sondern in das gesellschaftliche Leben insgesamt. Vorangetrieben wird diese Entwicklung, wenn Menschen mit Behinderung möglichst überall sichtbar werden. 

    Inklusion ...
    Sonja Hauke,
    Personalleitung Caparol, Ober-Ramstadt
Stiftung Nieder-Ramstädter Diakonie

© Stiftung Nieder-Ramstädter Diakonie
Bodelschwinghweg 5  -  64367 Mühltal  -  Tel.: (06151) 149-0  -  Fax: (06151) 144117  -  E-Mail: info@nrd.de

Datenschutzhinweis

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Bei Cookies unserer Partner (z. B. Altruja für Spenden) können Sie selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen. Datenschutzinformationen