Respektvolle Begegnung – ein langfristiges Programm

25.02.2019 | Marlene Broeckers

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Marlene Broeckers

Texterin und Pressereferentin der NRD

Respektvolle Begegnung – ein langfristiges Programm

„Haltung war schon immer mein Thema“, sagt Marianne Lehrian, Leiterin des Wohnverbundes Groß-Bieberau. Die Erzieherin arbeitet seit 40 Jahren in der NRD. Menschen mit Behinderung gut zu unterstützen, für Selbstbestimmung und Teilhabe einzutreten – das lag ihr schon am Herzen, als es diese Begriffe in der Eingliederungshilfe noch gar nicht gab. Der Wohnverbund Groß-Bieberau beschäftigt sich aktuell intensiv mit dem Thema „Respektvolle Begegnung“. Seit 2016 wird an diesem Ziel auf den verschiedensten Ebenen gearbeitet. 

„Mir sind in allen Bereichen immer wieder Situationen aufgefallen, die ich nicht gut finde, sowohl im Umgang mit Klient*innen als auch von Mitarbeitenden untereinander.“ So erklärt Marianne Lehrian das Motiv für die Arbeit am Thema Haltung. „Und mir war klar: Wenn sich hier etwas ändern soll, dann geht das nicht per Anordnung. Sondern eher per Überzeugung. Es geht darum, eine Haltung zu leben, die auch in Krisen und in schwierigen persönlichen Phasen funktioniert.“

Schon im Wohnverbund Erbach, den sie von 2007 bis 2013 leitete, hat sie begonnen, mit den Mitarbeitenden das Thema Wertschätzung und Respekt in der Sprache im Arbeitskreis „Assistenz und Menschenbild“, zu bearbeiten. Hierbei ging es unter anderem auch darum, welche Haltung Mitarbeitende an den Tag legen, wenn sie mit Klient*innen im Sozialraum unterwegs sind. 2016 hat Marianne Lehrian das Thema „Wertschätzung und Respekt“ in die Wohnverbundskonferenz hineingebracht. Es war klar: Man muss das Thema von vielen Seiten angehen. In einem Klausurtag mit den Teamleitungen, mit Fachberaterin Andrea Scharle und Wohnverbundsassistentin Sibylle Mierau-Brinson und vielen weiteren Treffen, wurden Ziele für eine respektvolle und wertschätzende Kommunikation formuliert, die sich auf alle Bewohner*innen, alle Mitarbeitenden sowie auf Eltern, Angehörige und gesetzliche Betreuer*innen erstreckt.

Eine wichtige Frage am Klausururtag war: Was hindert mich selbst daran, freundlich und wertschätzend mit Menschen umzugehen? Dieselbe Frage wird in den Teamsitzungen der einzelnen Teams mit Frau Lehrian und Frau Scharle besprochen werden. Und es werden Antworten gesucht auf die Frage: Was brauche ich, um eine respekt- und wertschätzende Haltung zu leben?

Zwei Workshops mit freiwilliger Teilnahme von Interessierten haben inzwischen in Kooperation mit dem Wohnverbund Ober-Ramstadt stattgefunden. Die Inhalte wurden von den beiden Wohnverbundsleitungen, Marianne Lehrian und Sabine Seibel, sowie den Fachberaterinnen Felicitas Walter, Andrea Scharle und Renate Müller-Schramm erarbeitet. Unter dem Titel „Nichts über uns ohne uns“ kamen jeweils rund 15 Teilnehmende zusammen. In einer der Übungen galt es, sich in eine*n Bewohner*in hineinzuversetzen, um die Abhängigkeit zu fühlen, die Menschen mit Behinderung gegenüber betreuenden Mitarbeitenden oft empfinden. „Wir haben sehr berührende Szenen erlebt“, so Marianne Lehrian, „es kam hier nicht auf ein Ergebnis an, sondern es ging darum, einen Weg zu zeigen.“

In einem Klausurtag wurde der respektvolle Umgang in der Pflege besprochen und weitergeführt. Ausgangspunkt hierbei war die Tatsache, dass Pflege kein isoliertes Handeln, sondern Teil des persönlichen Umgangs und der Pädagogik ist. „Die Pflege berührt die Intimsphäre von Bewohner*innen“, so Marianne Lehrian, „deshalb kommt es hier besonders auf eine respektvolle Haltung an. Zu den Bespielen für den würdevollen Umgang gehört es unter anderem, dass man um Erlaubnis bittet, bevor man den privaten Schrank eines Menschen öffnet – unabhängig von der Schwere der Behinderung.

Die IWo schreibt an den Vorstand

Parallel zu diesen Aktivitäten kam das neue Leitbild ins Spiel. Im Wohnverbund Groß-Bieberau wurde zu einem Workshop eingeladen. 16 Bewohner*innen beteiligten sich und sammelten ihre Wünsche und Bedürfnisse. Sie wurden ermutigt, Kritik zu äußern. Sie beantworteten Fragen wie „Was gefällt dir gerade gut?“, „Was ist gerade sehr schlecht?“, „Was macht ein guter Mitarbeiter?.....“ Deutlich kam dabei zum Ausdruck, dass es große Probleme mit dem Kurzzeitplatz gibt, der in Groß-Bieberau vorgehalten wird. Die Bewohner*innen finden es schwierig, sich immer wieder auf neue Personen einzustellen, die mit ihnen in der Wohngemeinschaft leben. Diese Problemanzeige wurde in einem Brief formuliert, der an den Vorstand und den bisherigen Regionalleiter Dirk Tritzschak geschickt wurde. Tritzschak besuchte daraufhin die Interessenvertretung Wohnen (IWo) in Groß-Bieberau und versprach, sich zusammen mit der Wohnverbundsleitung um eine bessere Lösung zu kümmern.

Wünsche ernstnehmen, Ziele erreichen

Selbstwirksamkeit zu erfahren, darauf zielt auch der Workshop ab, den Marianne Lehrian, Andrea Scharle und Anja Lortz mit drei Klient*innen, Isabell Dilthey, Stephanie Ruck und Christoph Bode aus dem Wohnverbund Groß-Bieberau, sowie mit zwei Bewohner*innen aus Erbach, Tanja Steidl und Silke Buss, und den dortigen Mitarbeiterinnen Barbara Bund, Sandra Friedl und Christine Köbeler starteten. „Träume, Ziele, Wünsche“ ist das Thema, das bislang in fünf Treffen behandelt wurde. Die Bewohner*innen waren eingeladen, gemeinsam ihre Bedürfnisse aufzuspüren und ihre Ziele zu formulieren. Dann wurde gemeinsam überlegt, wie jede*r mindestens ein wichtiges Ziel erreichen oder einen besonderen Wunsch verwirklichen könnte.

Tanja Steidl wünschte sich, ihren früheren Freund wiederzufinden, der inzwischen in Griechenland lebt. Die Recherche ist geglückt, die beiden sind wieder in Kontakt. Nun geht es darum, Tanja Steidl dabei zu unterstützen, dass sie nach Griechenland reisen und ihren Freund besuchen kann. Isabell Dilthey hatte den Wunsch, einmal in Erbach auf dem Marktplatz zu tanzen. Dies wurde an einem heißen Sommertag im August 2018 Wirklichkeit. Alle Workshop-Teilnehmer*innen und fünf Mitarbeitende reisten in Erbach an. Sie hatten sich fein angezogen, es gab kühlen Sekt zur Begrüßung und dann wurde die Musik aufgedreht. Mit und ohne Rollstuhl bewegte sich die Gruppe im Schatten der großen Bäume fröhlich zu Popsongs und Schlagern. Isabell Dilthey, die einen Rollstuhl nutzt und von Oksana Krannich bewegt wurde, strahlte übers ganze Gesicht: „Das war es, was ich wollte. Und jetzt machen wir es.“
                                         

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