Sozialverhalten statt ABC

01.02.2016 | Marlene Broeckers

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Marlene Broeckers

Texterin und Pressereferentin der NRD

Sozialverhalten statt ABC

Vor fünfeinhalb Jahren, im März 2010, hat die NRD mit der Eröffnung der ersten Kita im Haus Bodelschwingh in Mühltal ein neues Geschäftsfeld betreten. Die „Kita Farbenfroh“ startete mit 30 Plätzen für kleine Menschen unter drei Jahren und wurde bald auf 40 Plätze erweitert. Heute werden an vier Standorten insgesamt 130 Kinder betreut und zwar in Trägerschaft der NRD Orbishöhe GmbH. NRDbewegt! sprach mit den drei Leitungskräften Anja Retzlaff, Stefanie Hecht und Elke Frank.

Kleinkinder, die gerade das Laufen   und Sprechen lernen, tummeln sich seit dem Frühjahr 2010 von montags bis freitags im Haus Bodelschwingh   – schön inklusiv unter einem Dach mit etlichen Abteilungen der NRD-Verwaltung und einer letzten Wohngruppe für Menschen mit Behinderung, die 2017 in ein neues Wohnprojekt umziehen wird.

Auch die zweite Kita   – von der NRD geplant, von der Tochter NRD Orbishöhe im laufenden Projekt übernommen und 2014 in Ober-Ramstadt eröffnet – befindet sich in einem inklusiven Haus: Im Erdgeschoss der „Kita Falconstraße“ verbringen   24 Kinder unter drei Jahren den Tag, die beiden Obergeschosse teilen sich 16 Menschen mit Behinderung. Weil die Eltern mit dem Angebot der NRD-Orbishöhe sehr zufrieden sind, kam Ober-Ramstadts Bürgermeister Werner Schuchmann mit dem Wunsch auf den Träger zu, die Kita um ein neues Ü-3-Angebot in nächster Nähe zu erweitern. Anfang Dezember wurde die neue Gruppe für Kinder zwischen 3 und sechs Jahren im umgebauten Röhrwerk am MIAG Gelände als Teil der KiTa Falconstrasse auf dem früheren Industriegelände eröffnet, das sich zum neuen Wohngebiet für Ober-Ramstadt gewandelt hat.

45 Plätze für Kinder von eins bis sechs Jahren und acht heilpädagogische Hortplätze   für die benachbarte Gustav-Heinemann Schule schließlich   hat die NRD durch die Übernahme der früheren „Behindertenhilfe Dieburg“ im Oktober 2014 dazubekommen, deren „Kindernest“ schon seit über 40 Jahren existiert. Auch hier übernahm die NRD Orbishöhe zum 1. Januar 2015 die Trägerschaft. Leiterin Anja Retzlaff freut sich, nun zwei Kolleginnen zum fachlichen   Austausch zu haben. Sie arbeitet mit den Erzieherinnen Elke Frank (Kita Farbenfroh) und Stefanie Hecht (Kita Falconstraße) eng zusammen. Die drei Damen sind mit ihren Teams dabei, Standards zu entwickeln, die für jede der Einrichtungen sinnvoll sind. Dazu gehören eine Art Hausordnung, Grundlagen des Menschenbildes und der Erziehung, Umgang mit Eltern etc.

„Natürlich hat jede Einrichtung auch ihre eigene Färbung, aber es gibt doch Vieles, was für alle gilt“, sagt Anja Retzlaff. Nach 20 Jahren im Beruf hat sie reichlich Erfahrung, einen noch längeren Zeitraum überblickt Elke Frank, die bereits auf 30 Berufsjahre zurückblicken kann.

Auch wenn der Mangel an Fachkräften ein Dauerthema ist, „früher war nicht alles besser“, finden Sie. Der Personalschlüssel nach genauen Berechnungsvorgaben für die jeweiligen Altersgruppen bemessen, wobei die Anzahl der Stellen inzwischen nicht mehr pro Kind, sondern nach der täglichen Verweildauer der Kinder berechnet wird.

Kitas sind grundsätzlich integrativ, also auch für Kinder mit Behinderung oder zusätzlichem Betreuungsbedarf offen. Das ist die Theorie. Praktisch sieht es so aus, dass jeder Einzelfall begutachtet werden muss, bevor zusätzliche Betreuungsleistungen bewilligt werden. Wird eine Integrationskraft bewilligt, muss diese auch gefunden werden. Bis alles zusammen passt, gibt es Mehrarbeit für die Erzieherinnen. 

In Dieburg   zehn Plätze für Integrationskinder fest im Rahmen der Betriebserlaubnis und mit entsprechendem Betreuungspersonal vorgehalten, die immer belegt sind,   die Kita in Ober-Ramstadt betreuet aktuell ein Integrationskind.

An jedem Standort gibt es einen sogenannten BiB-Platz, ein betriebsintegriertes Beschäftigungsverhältnis für Mitarbeitende mit Behinderung. Das liegt nahe, denn Beschäftigte aus den NRD-Werkstätten in Mühltal und Dieburg haben Interesse daran, Praktika zu machen oder ein dauerhaftes Beschäftigungsverhältnis außerhalb der Werkstatt zu bekommen.

Wohlfühlen und die Welt entdecken

Was sind denn die Grundsätze, nach denen alle Kitas sich gemeinsam richten? Die Erzieherinnen erklären: Als erstes geht es darum, dass die Kinder sich wohlfühlen. Neulinge lernen das nach dem sogenannten „Berliner Modell“: Der Aufenthalt in der Kita wird anfangs von den Eltern begleitet, die sich dann Stück für Stück zurückziehen, während das Verweilen des Kindes sich zeitlich länger ausdehnt.

Wenn das geschafft ist, gilt es, die große, weite Welt zu entdecken und zu lernen, dass man darin selten alleine ist. Soziales Verhalten zu vermitteln, ist den Erzieherinnen mindestens so wichtig wie Selbstbewusstsein. Dass dies in der Kita durchaus gelingt, kann Anja Retzlaff bestätigen: „Wenn wir Kinder ab drei Jahren in den Kindergarten aufnehmen, ist sofort klar, ob sie vorher eine Kita besucht haben oder zuhause waren.“ Krippen-Kinder haben es später leichter, sich in eine Gemeinschaft einzubringen.. Von Grundschulen in Dieburg hat sie auch mehr als einmal das Kompliment gehört, dass Kinder, die vom ‚Kindernest‘ kommen, sich durch gutes Sozialverhalten auszeichnen. „Das ist wichtig“, meint Anja Retzlaff, das ABC können sie dann in der Schule lernen.“

Dass man manchen Eltern erklären muss, warum es in der Kita für die Unter-Drei-Jährigen noch kein Frühenglisch gibt – tja, das ist eben so in einer Zeit, wo Kleinkinder, damit sie sich optimal entwickeln, oft so intensiv gefördert werden, dass es schon lange vor dem Schuleintritt eines Stundenplans bedarf, um alle Termine im Auge zu behalten.

Auch die Bewertung von Müttern, die ihre Kinder frühzeitig einer betreuenden Einrichtung überlassen, hat sich gewandelt: Heute müssen sich Mütter oft rechtfertigen, wenn sie ihr Kleinkind zuhause betreuen, anstatt es mit einem oder zwei Jahren in eine Kita zu bringen.  

Selbst gekocht ist lecker

Essen ist auch ein wichtiges Thema: In allen NRD-Kitas wird mittags von hauswirtschaftlichen Mitarbeiterinnen frisch gekocht, nur wenn die Köchinnen im Urlaub sind, greift man auf Catering zurück. „Da freuen wir uns dann sehr auf’s Urlaubsende“, sagen Anja Retzlaff und Stefanie Hecht, „aus der eigenen Küche schmeckt es einfach besser.“ Alle achten auf Vielfalt und Abwechslung. Einmal die Woche kann es Fleisch oder Fisch geben, einmal auch eine Süßspeise als Hauptgericht, denn süßer Nachtisch gehört nicht zum Standard. Zum Frühstück wird in Ober-Ramstadt ein Buffet angeboten, in Dieburg und Mühltal essen die Kinder das, was sie von zuhause mitgebracht haben. Süßkram sollte möglichst nicht dabei sein, das wissen die Eltern oder wollen es selbst so.

Die alte Erfahrung, dass es Kindern in gleichaltriger   Gesellschaft besser schmeckt, gilt auch für die jüngste Individualisten-Generation:   „Zusammen essen macht einfach viel mehr Spaß“, sagt Stefanie Hecht festgestellt, „und aus einem neuen Gericht, das erst einmal weggeschoben wurde, wird dann unter Umständen ein Lieblingsessen.“

in der Dieburger Kita "Kindernest"

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  • Inklusion...

    ... finde ich sehr gut. Wenn Kinder von Anfang an zusammen sind und nicht auseinandersortiert werden, gewöhnen sich alle aneinander und können lernen, sich gegenseitig zu helfen. 

    Inklusion...
    Horst Enzmann
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